aus:  Paschold, C.E. und Gier, A. (Hgg.), Die Französische Revolution. Ein Lesebuch mit zeitgenössischen Berichten und Dokumenten, Stuttgart 2000, S. 39-44

Barnave über die Ursachen der Revolution, 39

Antoine-Pierre-Joseph-Marie Barnave (76—93) war Advokat am Parlement in Grenoble (die Parlements, königliche Gerichtshöfe, waren seit dem 7. Jahrhundert Zentren der Opposition); als einflußreicher Abgeordneter in der ersten Nationalversammlung setzte er sich für eine konstitutionelle Monarchie ein. Nachdem die Versammlung Ende September 79 ihre Arbeit beendet hatte, zog er sich nach Grenoble zurück und arbeitete an seiner Introduction à la Révolution française, die erst 843 postum veröffentlicht wurde. Der vertrauliche Briefwechsel mit Marie Antoinette (vgl. Nr. 39 und 40), der nach dem Sturm auf die Tuileries am 0. August 792 entdeckt wurde, führte zur Verhaftung und, am 8. November 793, Hinrichtung Barnaves.

 Quelle: Barnavelntrod. S. 5—55. (Gekürzt.)

Unmittelbare Ursachen, die die Französische Revolution bewirkt haben

[Nach dem Tod von Louis XIV nehmen der Regent und Louis XV dem französischen Volk seine Würde, indem sie Reichtum zum höchsten Wert erheben:]

Der Erfolg dieses Systems, auf das Erniedrigung folgte, war, daß die Nation schließlich nur noch Geldgier, den Reiz des Vergnügens und frivolste Eitelkeit kannte; als sie durch die Gewaltakte, die das Ende der Regierungszeit [von Louis XV] ankündigten, auf die Probe gestellt wurde, empfand sie ebensoviel Gehorsam wie Verachtung für ihren Herrn, so daß sie bereit schien, alles hinzunehmen.

Dennoch war das bestehende Regime am Punkt seiner

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Reife angelangt; ohne von Respekt und Wohlwollen getragen zu werden, herrschte es sozusagen nur noch mit mechanischen Mitteln. Die beiden privilegierten Stände, die noch den Regierungsapparat stellten, hatten sich durch ihren Luxus ruiniert und durch ihre Sittenlosigkeit disqualifiziert; der Dritte Stand dagegen hatte bedeutende Kenntnisse und immensen Reichtum erlangt. Die Nation wurde nur noch durch die Gewöhnung an ihre Sklaverei und die allgemein herrschende Meinung im Zaum gehalten, es sei unmöglich, die Ketten zu zerbrechen. Aber die <öffentliche> Meinung, die die Regierung kontrolliert hatte, hatte an der Basis der Nation ein ungeheures Gewicht gewonnen. In der jungen Generation verdrängten die Lehren von Helvetius und Rousseau bereits diejenigen Voltaires aus dem Gedächtnis.

Damit sich die königliche Autorität in einer derartigen Konstellation hätte halten können, hätte den Thron ein Tyrann oder ein bedeutender Mann innehaben müssen. Tiberius hätte seine Macht dadurch bewahrt, daß er sein Volk endgültig versklavt und erniedrigt hätte; Karl der Große hätte seine Vorherrschaft durch den Aufruf zu Reformen gesichert, deren Leiter und mäßigender Schiedsrichter er selbst gewesen wäre.

Louis XVI war weder das eine noch das andere. Er war zu tugendhaft, um nicht die Beseitigung von Mißständen zu versuchen, die ihn empörten; aber er hatte weder den Charakter noch die Fähigkeiten, um eine ungestüme Nation im Zaum zu halten, die ihr gegenwärtiger Zustand und die Bestrebungen des Monarchen zu Reformen aufriefen.

Seine Regierung war eine einzige Abfolge von Bemühungen um das Gute, Manifestationen von Schwäche und Ungeschicklichkeit.

Das einzige Mittel, der Explosion der Volksgewalt zuvorzukommen, hätte darin bestanden, das Volk an der bestehenden Regierung zu beteiligen und dem Dritten Stand alle Laufbahnen zu öffnen. Man tat genau das Gegenteil: Weil eine korrumpierte Regierung die Aristokratie geschwächt hatte,

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glaubte man, eine väterlich gesonnene Regierung müßte sie wieder in ihre alten Rechte einsetzen. Man rief die Parlements zurück, man gab der vornehmen Geburt alle Privilegien wieder, man schloß den Dritten Stand zunehmend von der militärischen Laufbahn aus, man schuf den allgemeinen Sitten, dem natürlichen Gang der Dinge widersprechende Gesetze, man tat alles, um die Eifersucht der einen Klasse zu schüren und die Ansprüche der anderen in die Höhe zu treiben. Man gewöhnte den Dritten Stand, der allein den Thron erhalten oder stürzen konnte, daran, in diesem eine feindliche Macht zu sehen; man versetzte die Aristokratie wieder in jenen Rausch, der sie — als man sie dann empfindlich treffen wollte —dazu veranläßte, eine Revolution zu provozieren, deren Opfer sie selbst geworden ist.

Das Verhalten des königlichen Rates und des Hofes wetteiferten darin, die Nation zu Neuerungen zu treiben und das alte Ansehen der Autorität zu untergraben.

Eine Reihe von neuerungsbeflissenen Ministern, die tausend Reformen ausprobierten, ohne sie zu Ende zu bringen, gewöhnte die Nation an die Vorstellung des Besseren.

Ein Hof, an dem die Kurzsichtigkeit der Jugend auf die eingefleischte Korruption der Höflinge von Louis XV gefolgt war, machte sich einen Spaß daraus, alle Konventionen außer Kraft zu setzen.

Was die Natur der Dinge vorbereitet hatte, was das Verhalten der Regierung hatte reifen lassen, vollendete dann der amerikanische Krieg. Während sich im Innern alles für einen Umsturz bereit machte, ging durch jene wundersame Verkettung von Umständen, die außergewöhnliche Ereignisse auszulösen pflegt, auch die Außenpolitik in die Richtung, die Revolution in Frankreich auszulösen und vielleicht die in Europa zu beschleunigen.

Am Ende der Regierungizeit von Louis XV war das Parlement von Paris praktisch aufgelöst, 30 Beamte waren verbannt worden; nach seiner Thronbesteigung hob Louis XVI diese Maßnahme auf.

2 Lücke in Barnaves Manuskript, wie auch S. 42.

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 [Aus diesem Krieg] ergaben sich drei Wirkungen, die unserer Revolution förderlich waren: Die erste war, daß die Nation Ideen von Aufstand und Freiheit in sich aufnahm; die zweite, daß die Armee — durch einen langen Frieden kultiviert — von denselben Ideen wie die übrige Nation durchdrungen wurde und den Enthusiasmus für staatsbürgerliche Tugenden mit demjenigen für militärische Tüchtigkeit verband; die dritte, daß die Finanzen endgültig ruiniert wurden. Während die Regierung sich allmählich einer öffentlichen Meinung gegenübersah, die eine äußerst bedrohliche Haltung einnahm, zerbrachen auf diese Weise plötzlich die beiden wichtigsten Machtinstrumente in ihren Händen.

Indessen hatte sie nochmals einiges Ansehen gewonnen. Zu ihren militärischen Erfolgen und den am Verhandlungstisch erzielten Resultaten gesellte sich die Popularität eines geschickten Ministers. Wenn man damals den Mut aufgebracht hätte, den Zustand der Finanzen ins Auge zu fassen und mittels durchgreifender Reformen zu sanieren, wenn man die augenblickliche Mittelknappheit durchgestanden und sich den bestimmenden Einfluß auf die öffentliche Meinung bewahrt hätte, dann hätte die Regierung an der Spitze notwendiger Reformen gestanden, und sie hätte die Erschütterung zu dämpfen vermocht.

Aber man kannte das Übel nicht gut genug, um zu einem so schmerzhaften Heilmittel zu greifen. Der Hof dachte nicht daran, dem zuzustimmen, und der Minister war nicht bereit, es zu wagen, da ihm jeder starke Entschluß fernlag. Er hatte gegenüber der Nation nicht den Mut gehabt, sich während des KtÄe%es &itchtusettew wuxt wa.~te ex &ert\ XYotw~ ~‚e~nüber nicht, ausreichende Reformen zu fordern. Er wollte beliebt sein, und so vertuschte er die Misere und schuf eine Art System, das zugleich das Ergebnis der Gewohnheiten seines Standes und seines Hauptcharakterzugs war. Er machte den Kredit zur Grundlage der Finanzen und die Moral des Finanzministers zur Grundlage des Kredits. So machte er sich unentbehrlich. Zweifellos hoffte er, den

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 Staatsapparat durch Einzelmaßnahmen zu reparieren und die Misere zu beseitigen, bevor sie bekannt würde. Man ließ ihm jedoch nicht einmal die Zeit, um sich diesen kaum wirksamen Maßnahmen zu widmen. Er ging unter dem Bedauern der Nation, die seiner Redlichkeit Gerechtigkeit widerfahren ließ und seine Talente überschätzte.

Wer von einem schweren Leiden gequält wird und nicht einmal entschlossen genug ist, eine Therapie durchzuhalten, ruft die Empiriker zu Hilfe. Genau das tat man damals. Es erschien der Mann, dessen Name mit der Erinnerung an die Französische Revolution verbunden bleiben wird als der ihres bösen Geistes. Nicht, daß unter seiner Verwaltung von Sparsamkeit die Rede gewesen wäre; er war verschwenderisch vom Charakter her, aus Nachgiebigkeit und aus System. Wie einer, der bankrott ist, durch Pomp zu blenden sucht, weil er sich von dem Ansehen, das er erwirbt, irgendeine unerwartete Hilfe erhofft, so schien dieser Minister die Mächtigen durch seinen Uberfluß faszinieren und die Nation durch eine künstliche Prosperität trunken machen zu wollen, um alles vorzubereiten und in jenem Augenblick die Gemüter zu beherrschen, da er die kühnen Maßnahmen offenbaren würde, durch die er sich schmeichelte, die Finanzen sanieren zu können.

Er führte schließlich jene berühmte Zeit herbei, in der das Haushaltsdefizit bekannt gemacht wurde und in der die Staatsmänner beinahe alles voraussehen konnten, was seitdem geschehen ist.

Ein Teil der Dinge, die er vorschlug, hätte Erfolg haben können, wenn ein angesehenes Ministerium sie vorgebracht hätte, nach einschneidenden Reformen bei den Ausgaben und solange der Geldbedarf noch nicht so groß und so dringend.

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Aber als eine in Verruf geratene Regierung, deren Verschwendung Empörung hervorrief, plötzlich ihre extreme Notlage offenbarte, ohne auf die Achtung oder die Furcht der Bürger zählen zu können, da erschienen alle ihre Vorschläge als Fallen, und ihre Forderungen erzeugten nur Unwillen und Verachtung.

Was die Regierung durch Vertrauen nicht erreichen konnte, wollte sie daher kraft ihrer Autorität fordern. Daraufhin begann ein Kampf, der bis zur Einberufung der Generalstände nur noch das Bild der Agonie der Macht bot. Je weniger Mittel ihr zur Verfügung standen, um so heftiger wurden ihre Versuche. [. . .]