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ERSTER VORTRAG VOM 25. SEPTEMBER
1854
Einleitung (Ausgangspunkt und
Hauptbegriffe)
Zum Behufe der gegenwärtigen
Vorträge ist es vor allem nötig, sich über zweierlei zu
verständigen: 1. über den Ausgangspunkt, den man dabei zu nehmen
haben wird, 2. über die Hauptbegriffe. Was den Ausgangspunkt für
diese Vorträge betrifft, so würde es uns für den vorliegenden
Zweck viel zu weit führen, wenn wir uns mit der Anschauung in ganz entfernte
Zeiten, in ganz abgelegene Zustände versetzen wollten, welche zwar immer
noch einen Einfluß auf die Gegenwart ausüben, aber nur einen
indirekten. Wir werden also, um uns nicht ins rein Historische zu verlieren,
von der römischen Zeit ausgehen, in welcher eine Kombination der
verschiedensten Momente zu finden ist.
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Hiernächst haben wir uns
zu verständigen: 1. über den Begriff des Fortschrittes im allgemeinen;
2. über das, was man im Zusammenhang damit unter leitenden
Ideen zu verstehen habe.
1. Wie der Begriff
Fortschritt in der Geschichte aufzufassen
sei
Wollte man mit manchen Philosophen annehmen, daß die ganze Menschheit sich von einem gegebenen Urzustande zu einem positiven Ziel fortentwickelte, so könnte man sich dieses auf zweierlei Weise vorstellen: entweder, daß ein allgemein leitender Wille die Entwickelung des Menschengeschlechtes von einem Punkt nach dem anderen förderte, oder daß in der Menschheit gleichsam ein Zug der geistigen Natur liege, welcher die Dinge mit Notwendigkeit nach einem bestimmten Ziel hintreibt. Ich möchte diese beiden Ansichten weder für philosophisch haltbar noch für historisch nachweisbar halten. Philosophisch kann man diesen Gesichtspunkt nicht für annehmbar erklären, weil er im ersten Fall die menschliche Freiheit geradezu aufhebt und die Menschen zu willenlosen Werkzeugen stempelt,
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und weil im anderen Falle die
Menschen geradezu entweder Gott oder gar nichts sein
müßten.
Auch historisch sind diese Ansichten
nicht nachweisbar. Denn fürs erste findet sich der größte
Teil der Menschheit noch im Urzustande, im Ausgangspunkt selbst. Und dann
fragt es sich: was ist Fortschritt? Wo ist der Fortschritt der Menschheit
zu bemerken? Es gibt Elemente der großen historischen Entwickelung,
die sich in der römischen und germanischen Nation fixiert haben. Hier
gibt es allerdings eine von Stufe zu Stufe sich entwickelnde geistige Macht.
Es ist in der ganzen Geschichte eine gleichsam historische Macht 10 des
menschlichen Geistes nicht zu verkennen. Das ist eine in der Urzeit
gegründete Bewegung, die sich mit einer gewissen Stetigkeit fortsetzt.
Allein, es gibt in der Menschheit doch nur ein System von Bevölkerungen,
welche an der allgemein historischen Bewegung teilnehmen, und andere, die
davon ausgeschlossen sind. Wir können aber im allgemeinen die in der
historischen Bewegung begriffenen Nationalitäten nicht als im stetigen
Fortschritt befindlich ansehen.
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Wenden wir zum Beispiel unser
Augenmerk auf Asien, so sehen wir, daß dort die Kultur entsprungen
ist und daß dieser Weltteil mehrere Kulturepochen gehabt hat. Allein,
dort ist die Bewegung eine mehr rückgängige gewesen. Denn die
älteste Epoche der asiatischen Kultur war die blühendste, die zweite
und dritte Epoche aber, in welcher das griechische und römische Element
dominierte, war schon nicht mehr so bedeutend, und mit dem Einbrechen der
Barbaren (Mongolen) fand die Kultur in Asien vollends ein Ende.
Geographisch kann also dieser Begriff nicht festgestellt werden, und ich
muß mich von vornherein dagegen erklären, wenn man behauptet,
wie zum Beispiel Peter der Große, die Kultur mache die Runde um den
Erdball, sie sei vom Osten gekommen und kehre dahin wieder
zurück.
Fürs zweite ist hierbei ein
anderer Irrtum zu vermeiden, nämlich
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der, als ob die fortschreitende
Entwickelung der Jahrhunderte zu gleicher Zeit alle Zweige des menschlichen
Wissens und Könnens umfaßte. Die Geschichte zeigt uns, um
beispielsweise nur ein Moment hervorzuheben, daß in der neueren
Zeit die Kunst im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
am meisten geblüht hat; dagegen ist sie aber am Ende des 17. und in
den ersten drei Vierteln des 18. Jahrhunderts am meisten heruntergekommen.
Geradeso verhält es sich mit der Poesie. Auch hier sind es nur
Momente, wo diese Kunst wirklich hervortritt. Es zeigt sich aber nicht, daß
sich dieselbe im Laufe der Jahrhunderte zu einer höheren Potenz
steigert. 10
Wenn wir somit das geographische Element ausschließen, wenn wir annehmen
müssen, wie uns die Geschichte lehrt, daß Völker zugrunde
gehen können, bei denen die Entwickelung nicht stetig alles umfaßt,
so haben wir gefunden, worin die fortdauernde Bewegung der Menschheit
besteht.
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Sie beruht darauf, daß die
großen geistigen Tendenzen, welche die Menschheit beherrschen, sich
bald auseinanderheben, bald aneinanderreihen. In diesen Tendenzen ist
aber immer eine bestimmte partikuläre Richtung, welche vorwiegt und
bewirkt, daß die übrigen zurücktreten. So war zum
Beispiel in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das religiöse
Element so überwiegend, daß das literarische vor demselben
zurücktrat. Im 18. Jahrhundert hingegen gewann das
Utilisierungsbestreben ein solches Terrain, daß vor diesem die Kunst
und die Literatur weichen mußten.
In jeder Epoche der Menschheit
äußert sich also eine bestimmte große Tendenz, und der
Fortschritt beruht darauf, daß eine gewisse
Bewe
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gung des menschlichen Geistes
in jeder Periode sich darstellt, welche bald die eine, bald die andere Tendenz
hervorhebt und in derselben sich eigentümlich
manifestiert.
Wollte man im Widerspruch mit
der hier geäußerten Ansicht annehmen, dieser Fortschritt
bestehe darin, daß in jeder Epoche das Lebender Menschheit sich höher
potenziert, daß also jede Generation die vorhergehende vollkommen
übertreffe, mithin die letzte die bevorzugte, die vorhergehenden
aber nur die Träger der nachfolgenden wären, so würde
das eine Ungerechtigkeit der Gottheit sein. Eine solche gleichsam mediatisierte
Generation würde an und für sich eine Bedeutung nicht haben. Sie
würde nur insofern etwas bedeuten, als sie die Stufe der nachfolgenden
Generation ist und würde nicht in unmittelbarem Bezug zum
Göttlichen stehen. Ich aber behaupte: jede Epoche
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ist unmittelbar zu Gott, und ihr
Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz
selbst, in ihrem Eigenen selbst. Dadurch bekommt die Betrachtung der Historie,
und zwar des individuellen Lebens in der Historie, einen ganz
eigentümlichen Reiz, indem nun jede Epoche als etwas für sich
Gültiges angesehen werden muß und der Betrachtung höchst
würdig erscheint.
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Der Historiker hat also sein
Hauptaugenmerk erstens darauf zu richten, wie die Menschen in einer
bestimmten Periode gedacht und gelebt haben, und dann findet er, daß,
abgesehen von gewissen unwandelbaren ewigen Hauptideen, zum Beispiel
den moralischen, jede Epoche ihre besondere Tendenz und ihr eigenes Ideal
hat. Wenn
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nun aber auch jede Epoche an und
für sich ihre Berechtigung und ihren Wert hat, so darf doch nicht
übersehen werden, was aus ihr hervorging. Der Historiker hat also fürs
zweite auch den Unterschied zwischen den einzelnen Epochen wahrzunehmen,
um die innere Notwendigkeit der Aufeinanderfolge zu betrachten. Ein gewisser
Fortschritt ist hierbei nicht zu verkennen. Aber ich möchte nicht behaupten,
daß sich derselbe in einer geraden Linie bewegt, sondern mehr wie ein
Strom, der sich auf seine eigene Weise den Weg bahnt. Die Gottheit
wenn ich diese Bemerkung wagen darf denke ich
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mir so, daß sie, da ja keine
Zeit vor ihr liegt, die ganze historische Menschheit in ihrer Gesamtheit
überschaut und gleich wert findet. Die Idee von der Erziehung des
Menschengeschlechtes hat allerdings etwas Wahres an sich, aber vor Gott
erscheinen alle Generationen der Menschheit als gleich berechtigt, und so
muß auch der Historiker die Sache ansehen.
2. Was von der sogenannten
leitenden Idee
in der Geschichte zu halten
sei
Die Philosophen, namentlich aber die Hegelsche Schule, haben hierüber gewisse Ideen aufgestellt, wonach die Geschichte der Menschheit wie ein logischer Prozeß in Satz, Gegensatz, Vermittelung, in
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Positivem und Negativem sich abspinnt.
In der Scholastik aber geht das Leben unter, und so würde auch diese
Anschauung von der Geschichte, dieser Prozeß des sich selbst nach
verschiedenen logischen Kategorien entwickelnden Geistes auf das
zurückführen, was wir oben bereits verwarfen.
Nach dieser Ansicht würde
bloß die Idee ein selbständiges Leben haben. Alle Menschen aber
wären bloß Schatten oder Schemen, welche sich mit der Idee
erfüllten. Der Lehre, wonach der Weltgeist die Dinge gleichsam durch
Betrug hervorbringt und sich der menschlichen Leidenschaften bedient, um
seine Zwecke zu erreichen,
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liegt eine höchst unwürdige
Vorstellung von Gott und der Menschheit. zugrunde; sie kann auch konsequent
nur zum Pantheismus führen. Die Menschheit ist dann der werdende Gott,
der sich durch einen geistigen Prozeß, der in seiner Natur liegt, selbst
gebiert.
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Ich kann also die leitenden Ideen
nicht anders bezeichnen, als dass sie die herrschenden Tendenzen in jedem
jahrhundert sind. Diese Tendenzen können indessen nur beschrieben, nicht
aber in letzter Instanz in einem Begriff summiert werden. Sonst würden
wir auf das oben Verworfene neuerdings
zurückkommen.
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Der Historiker hat nun die
großen Tendenzen der Jahrhunderte auseinanderzunehmen und die große
Geschichte der Menschheit aufzurollen, welche eben der Komplex dieser
verschiedenen Tendenzen ist. Vom Standpunkt der göttlichen Idee kann
ich mir die Sache nicht anders denken, als daß die Menschheit eine
unendliche Mannigfaltigkeit von Entwickelungen in sich birgt, welche
nach und nach zum Vorschein kommen, und zwar nach Gesetzen, die uns unbekannt
sind, geheimnisvoller und größer, als man
denkt.
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Ein unbedingter Fortschritt ist
anzunehmen, so weit wir die Geschichte verfolgen können. Im Bereiche
der materiellen Interessen, in welchen auch ohne eine ganz ungeheure
Umwälzung ein Rückschritt kaum wird stattfinden können. In
moralischer Hinsicht aber lässt sich der Fortschritt nicht verfolgen.
Die moralischen Ideen können
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Zwar extensiv fortschreiten; man
kann zum Beispiel behaupten, dass die großen Werke, welche die Kunst
und Literatur hervorgebracht hat, heutzutage von einer größeren
Menge genossen werden als früher. Aber es wäre lächerlich,
ein größerer Epiker sein zu wollen als Homer, oder ein
größerer Tragiker als Sophokles.
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KÖNIG
MAX:
Sie
haben oben vom moralischen Fortschritt gesprochen. Haben Sie hierbei
auch den inneren Fortschritt im Auge gehabt?
RÄNKE:
Nein,
sondern nur den Fortschritt des menschlichen Geschlechtes. Das Individuum
hingegen muß sich immer zu einer höheren moralischen Stufe
erheben.
KÖNIG
MAX:
Da aber die Menschheit aus Individuen zusammengesetzt ist, so fragt
es sich, ob, wenn das Individuum zu einer höheren moralischen Stufe
sich erhebt, dieser Fortschritt nicht auch die ganze Menschheit umfassen
wird.
RANKE:
Das
Individuum stirbt; es hat ein endliches Dasein; die Menschheit dagegen ein
unendliches. In materiellen Dingen nehme ich einen Fortschritt an, weil hier
eines aus dem anderen hervorgeht. Anders in moralischer Beziehung. Ich glaube,
daß in jeder Generation die wirkliche moralische Größe der
anderen gleich ist, und daß es in der moralischen Größe
gar keine höhere Potenz gibt, wie wir denn zum Beispiel die moralische
Größe der alten Welt gar nicht übertreffen können.
Es kommt sogar häufig vor, daß die intensive Größe
zu der extensiven in umgekehrtem Verhältnis steht. (Man vergleiche unsere
heutige Literatur mit der klassischen.)
S.
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KÖNIG
MAX:
Sollte
man aber nicht doch annehmen dürfen, daß die Vorsehung, unbeschadet
der freien Selbstbestimmung des einzelnen, der Menschheit im ganzen ein gewisses
Ziel gesteckt hat, auf welches dieselbe, wenn auch nicht gewaltsam, hingeleitet
wird?
S.
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RANKE:
Dies ist eine kosmopolitische Hypothese, die man aber nicht historisch
nachweisen kann. Wir haben hierfür zwar den Ausspruch der Heiligen Schrift,
wonach einst noch ein Hirt und eine Herde sein wird. Aber bis jetzt hat sich
dieses noch nicht als der herrschende Gang der Weltgeschichte ausgewiesen.
Dafür dient zum Beweise die Geschichte Asiens, welches nach Perioden
der größten Blüte wieder in die Barbarei zurückgefallen
ist.
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KÖNIG
MAX: Ist nicht aber doch jetzt eine größere Anzahl von Individuen
zu einer höheren moralischen Entwickelung gediehen als
früher?
RANKE: Ich gebe
das zu, aber nicht prinzipiengemäß. Denn die Geschichte lehrt
uns, daß manche Völker gar nicht kulturfähig sind, und daß
oft frühere Epochen viel moralischer waren als
spätere.
S.
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(Frankreich
in der Mitte des 17. Jahrhunderts zum Beispiel war
viel
moralischer
und gebildeter als zu Ende des 17. Jahrhunderts.) Wie gesagt, eine
größere Expansion der moralischen Ideen läßt sich
behaupten, aber nur in bestimmten Kreisen. Als Mensch scheint es mir
wahrscheinlich, daß die Idee der Menschheit, die nur historisch in
den großen Nationen repräsentiert ist, allmählich die ganze
Menschheit umfassen sollte, und dies wäre dann der innere moralische
Fortschritt. Die Historie opponiert sich dieser Anschauung nicht,
S.
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weist
sie aber nicht nach. Insbesondere müssen wir uns hüten, diese
Anschauungen zum Prinzip der Geschichte zu machen. Unsere
Aufgabe ist,
uns
bloß an das Objekt zu halten.