Ranke, L. von, Über die Epochen der neueren Geschichte, München, [Berchtesgaden, 25.9.1854] Wien 1971, S. 53-76: Vortrag 1

 

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ERSTER VORTRAG VOM 25. SEPTEMBER 1854

 

Einleitung (Ausgangspunkt und Hauptbegriffe)

 

Zum Behufe der gegenwärtigen Vorträge ist es vor allem nötig, sich über zweierlei zu verständigen: 1. über den Ausgangspunkt, den man dabei zu nehmen haben wird, 2. über die Hauptbegriffe. Was den Ausgangspunkt für diese Vorträge betrifft, so würde es uns für den vorliegenden Zweck viel zu weit führen, wenn wir uns mit der Anschauung in ganz entfernte Zeiten, in ganz abgelegene Zustände versetzen wollten, welche zwar immer noch einen Einfluß auf die Gegenwart ausüben, aber nur einen indirekten. Wir werden also, um uns nicht ins rein Historische zu verlieren, von der römi­schen Zeit ausgehen, in welcher eine Kombination der verschiedensten Momente zu finden ist.

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Hiernächst haben wir uns zu verständigen: 1. über den Begriff des Fortschrittes im allgemeinen; 2. über das, was man im Zusammen­hang damit unter „leitenden Ideen“ zu verstehen habe.

 

1. Wie der Begriff „Fortschritt“ in der Geschichte aufzufassen sei

 

Wollte man mit manchen Philosophen annehmen, daß die ganze Menschheit sich von einem gegebenen Urzustande zu einem positiven Ziel fortentwickelte, so könnte man sich dieses auf zweierlei Weise vorstellen: entweder, daß ein allgemein leitender Wille die Entwicke­lung des Menschengeschlechtes von einem Punkt nach dem anderen förderte, oder daß in der Menschheit gleichsam ein Zug der geistigen Natur liege, welcher die Dinge mit Notwendigkeit nach einem be­stimmten Ziel hintreibt. Ich möchte diese beiden Ansichten weder für philosophisch haltbar noch für historisch nachweisbar halten. Philosophisch kann man diesen Gesichtspunkt nicht für annehmbar erklären, weil er im ersten Fall die menschliche Freiheit geradezu aufhebt und die Menschen zu willenlosen Werkzeugen stempelt,

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und weil im anderen Falle die Menschen geradezu entweder Gott oder gar nichts sein müßten.

Auch historisch sind diese Ansichten nicht nachweisbar. Denn fürs erste findet sich der größte Teil der Menschheit noch im Urzustande, im Ausgangspunkt selbst. Und dann fragt es sich: was ist Fortschritt? Wo ist der Fortschritt der Menschheit zu bemerken? — Es gibt Elemente der großen historischen Entwickelung, die sich in der römischen und germanischen Nation fixiert haben. Hier gibt es allerdings eine von Stufe zu Stufe sich entwickelnde geistige Macht. Es ist in der ganzen Geschichte eine gleichsam historische Macht 10 des menschlichen Geistes nicht zu verkennen. Das ist eine in der Urzeit gegründete Bewegung, die sich mit einer gewissen Stetigkeit fortsetzt. Allein, es gibt in der Menschheit doch nur ein System von Bevölkerungen, welche an der allgemein historischen Bewegung teilnehmen, und andere, die davon ausgeschlossen sind. Wir können aber im allgemeinen die in der historischen Bewegung begriffenen Nationalitäten nicht als im stetigen Fortschritt befindlich ansehen.

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Wenden wir zum Beispiel unser Augenmerk auf Asien, so sehen wir, daß dort die Kultur entsprungen ist und daß dieser Weltteil mehrere Kulturepochen gehabt hat. Allein, dort ist die Bewegung eine mehr rückgängige gewesen. Denn die älteste Epoche der asiatischen Kultur war die blühendste, die zweite und dritte Epoche aber, in welcher das griechische und römische Element dominierte, war schon nicht mehr so bedeutend, und mit dem Einbrechen der Barbaren (Mongo­len) fand die Kultur in Asien vollends ein Ende. Geographisch kann also dieser Begriff nicht festgestellt werden, und ich muß mich von vornherein dagegen erklären, wenn man behauptet, wie zum Beispiel Peter der Große, die Kultur mache die Runde um den Erdball, sie sei vom Osten gekommen und kehre dahin wieder zurück.

Fürs zweite ist hierbei ein anderer Irrtum zu vermeiden, nämlich

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der, als ob die fortschreitende Entwickelung der Jahrhunderte zu gleicher Zeit alle Zweige des menschlichen Wissens und Könnens umfaßte. Die Geschichte zeigt uns, um beispielsweise nur ein Mo­ment hervorzuheben, daß in der neueren Zeit die Kunst im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts am meisten geblüht hat; dagegen ist sie aber am Ende des 17. und in den ersten drei Vierteln des 18. Jahrhunderts am meisten heruntergekommen. Geradeso ver­hält es sich mit der Poesie. Auch hier sind es nur Momente, wo diese Kunst wirklich hervortritt. Es zeigt sich aber nicht, daß sich dieselbe im Laufe der Jahrhunderte zu einer höheren Potenz steigert.      10 Wenn wir somit das geographische Element ausschließen, wenn wir annehmen müssen, wie uns die Geschichte lehrt, daß Völker zugrunde gehen können, bei denen die Entwickelung nicht stetig alles umfaßt, so haben wir gefunden, worin die fortdauernde Bewegung der Menschheit besteht.

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Sie beruht darauf, daß die großen geistigen Tendenzen, welche die Menschheit beherrschen, sich bald auseinanderheben, bald aneinan­derreihen. In diesen Tendenzen ist aber immer eine bestimmte partikuläre Richtung, welche vorwiegt und bewirkt, daß die übrigen zurücktreten. — So war zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das religiöse Element so überwiegend, daß das litera­rische vor demselben zurücktrat. Im 18. Jahrhundert hingegen ge­wann das Utilisierungsbestreben ein solches Terrain, daß vor diesem die Kunst und die Literatur weichen mußten.

In jeder Epoche der Menschheit äußert sich also eine bestimmte große Tendenz, und der Fortschritt beruht darauf, daß eine gewisse Bewe­

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gung des menschlichen Geistes in jeder Periode sich darstellt, welche bald die eine, bald die andere Tendenz hervorhebt und in derselben sich eigentümlich manifestiert.

Wollte man im Widerspruch mit der hier geäußerten Ansicht anneh­men, dieser Fortschritt bestehe darin, daß in jeder Epoche das Lebender Menschheit sich höher potenziert, daß also jede Generation die vorhergehende vollkommen übertreffe, mithin die letzte die bevor­zugte, die vorhergehenden aber nur die Träger der nachfolgenden wä­ren, so würde das eine Ungerechtigkeit der Gottheit sein. Eine solche gleichsam mediatisierte Generation würde an und für sich eine Bedeutung nicht haben. Sie würde nur insofern etwas bedeuten, als sie die Stufe der nachfolgenden Generation ist und würde nicht in unmittel­barem Bezug zum Göttlichen stehen. Ich aber behaupte: jede Epoche

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ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eigenen selbst. Dadurch bekommt die Betrachtung der Historie, und zwar des individuellen Lebens in der Historie, einen ganz eigentümlichen Reiz, indem nun jede Epoche als etwas für sich Gültiges angesehen werden muß und der Betrachtung höchst würdig erscheint.

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Der Historiker hat also sein Hauptaugenmerk erstens darauf zu rich­ten, wie die Menschen in einer bestimmten Periode gedacht und gelebt haben, und dann findet er, daß, abgesehen von gewissen un­wandelbaren ewigen Hauptideen, zum Beispiel den moralischen, jede Epoche ihre besondere Tendenz und ihr eigenes Ideal hat. Wenn

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nun aber auch jede Epoche an und für sich ihre Berechtigung und ihren Wert hat, so darf doch nicht übersehen werden, was aus ihr hervorging. Der Historiker hat also fürs zweite auch den Unterschied zwischen den einzelnen Epochen wahrzunehmen, um die innere Notwendigkeit der Aufeinanderfolge zu betrachten. Ein gewisser Fortschritt ist hierbei nicht zu verkennen. Aber ich möchte nicht behaupten, daß sich derselbe in einer geraden Linie bewegt, sondern mehr wie ein Strom, der sich auf seine eigene Weise den Weg bahnt. Die Gottheit — wenn ich diese Bemerkung wagen darf — denke ich

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mir so, daß sie, da ja keine Zeit vor ihr liegt, die ganze historische Menschheit in ihrer Gesamtheit überschaut und gleich wert findet. Die Idee von der Erziehung des Menschengeschlechtes hat allerdings etwas Wahres an sich, aber vor Gott erscheinen alle Generationen der Menschheit als gleich berechtigt, und so muß auch der Historiker die Sache ansehen.

 

 

2. Was von der sogenannten leitenden Idee

in der Geschichte zu halten sei

 

Die Philosophen, namentlich aber die Hegelsche Schule, haben hier­über gewisse Ideen aufgestellt, wonach die Geschichte der Mensch­heit wie ein logischer Prozeß in Satz, Gegensatz, Vermittelung, in

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Positivem und Negativem sich abspinnt. In der Scholastik aber geht das Leben unter, und so würde auch diese Anschauung von der Geschichte, dieser Prozeß des sich selbst nach verschiedenen logischen Kategorien entwickelnden Geistes auf das zurückführen, was wir oben bereits verwarfen.

Nach dieser Ansicht würde bloß die Idee ein selbständiges Leben haben. Alle Menschen aber wären bloß Schatten oder Schemen, welche sich mit der Idee erfüllten. Der Lehre, wonach der Weltgeist die Dinge gleichsam durch Betrug hervorbringt und sich der menschlichen Leidenschaften bedient, um seine Zwecke zu erreichen,

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liegt eine höchst unwürdige Vorstellung von Gott und der Mensch­heit. zugrunde; sie kann auch konsequent nur zum Pantheismus führen. Die Menschheit ist dann der werdende Gott, der sich durch einen geistigen Prozeß, der in seiner Natur liegt, selbst gebiert.

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Ich kann also die leitenden Ideen nicht anders bezeichnen, als dass sie die herrschenden Tendenzen in jedem jahrhundert sind. Diese Tendenzen können indessen nur beschrieben, nicht aber in letzter Instanz in einem Begriff summiert werden. Sonst würden wir auf das oben Verworfene neuerdings zurückkommen.

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Der Historiker hat nun die großen Tendenzen der Jahrhunderte auseinanderzunehmen und die große Geschichte der Menschheit auf­zurollen, welche eben der Komplex dieser verschiedenen Tendenzen ist. Vom Standpunkt der göttlichen Idee kann ich mir die Sache nicht anders denken, als daß die Menschheit eine unendliche Mannig­faltigkeit von Entwickelungen in sich birgt, welche nach und nach zum Vorschein kommen, und zwar nach Gesetzen, die uns unbekannt sind, geheimnisvoller und größer, als man denkt.

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Ein unbedingter Fortschritt ist anzunehmen, so weit wir die Geschichte verfolgen können. Im Bereiche der materiellen Interessen, in welchen auch ohne eine ganz ungeheure Umwälzung ein Rückschritt kaum wird stattfinden können. In moralischer Hinsicht aber lässt sich der Fortschritt nicht verfolgen. Die moralischen Ideen können

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Zwar extensiv fortschreiten; man kann zum Beispiel behaupten, dass die großen Werke, welche die Kunst und Literatur hervorgebracht hat, heutzutage von einer größeren Menge genossen werden als früher. Aber es wäre lächerlich, ein größerer Epiker sein zu wollen als Homer, oder ein größerer Tragiker als Sophokles.

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KÖNIG MAX: Sie haben oben vom moralischen Fortschritt gespro­chen. Haben Sie hierbei auch den inneren Fortschritt im Auge gehabt?

RÄNKE: Nein, sondern nur den Fortschritt des menschlichen Ge­schlechtes. Das Individuum hingegen muß sich immer zu einer hö­heren moralischen Stufe erheben.

KÖNIG MAX: Da aber die Menschheit aus Individuen zusammenge­setzt ist, so fragt es sich, ob, wenn das Individuum zu einer höheren moralischen Stufe sich erhebt, dieser Fortschritt nicht auch die ganze Menschheit umfassen wird.

RANKE: Das Individuum stirbt; es hat ein endliches Dasein; die Menschheit dagegen ein unendliches. In materiellen Dingen nehme ich einen Fortschritt an, weil hier eines aus dem anderen hervorgeht. Anders in moralischer Beziehung. Ich glaube, daß in jeder Generation die wirkliche moralische Größe der anderen gleich ist, und daß es in der moralischen Größe gar keine höhere Potenz gibt, wie wir denn zum Beispiel die moralische Größe der alten Welt gar nicht über­treffen können. Es kommt sogar häufig vor, daß die intensive Größe zu der extensiven in umgekehrtem Verhältnis steht. (Man vergleiche unsere heutige Literatur mit der klassischen.)

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KÖNIG MAX: Sollte man aber nicht doch annehmen dürfen, daß die Vorsehung, unbeschadet der freien Selbstbestimmung des einzelnen, der Menschheit im ganzen ein gewisses Ziel gesteckt hat, auf welches dieselbe, wenn auch nicht gewaltsam, hingeleitet wird?

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RANKE:  Dies ist eine kosmopolitische Hypothese, die man aber nicht historisch nachweisen kann. Wir haben hierfür zwar den Ausspruch der Heiligen Schrift, wonach einst noch ein Hirt und eine Herde sein wird. Aber bis jetzt hat sich dieses noch nicht als der herrschende Gang der Weltgeschichte ausgewiesen. Dafür dient zum Beweise die Geschichte Asiens, welches nach Perioden der größten Blüte wieder in die Barbarei zurückgefallen ist.

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KÖNIG MAX: Ist nicht aber doch jetzt eine größere Anzahl von Individuen zu einer höheren moralischen Entwickelung gediehen als früher?

RANKE: Ich gebe das zu, aber nicht prinzipiengemäß. Denn die Geschichte lehrt uns, daß manche Völker gar nicht kulturfähig sind, und daß oft frühere Epochen viel moralischer waren als spätere.

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(Frankreich in der Mitte des 17. Jahrhunderts zum Beispiel war viel moralischer und gebildeter als zu Ende des 17. Jahrhunderts.) Wie gesagt, eine größere Expansion der moralischen Ideen läßt sich behaupten, aber nur in bestimmten Kreisen. Als Mensch scheint es mir wahrscheinlich, daß die Idee der Menschheit, die nur historisch in den großen Nationen repräsentiert ist, allmählich die ganze Menschheit umfassen sollte, und dies wäre dann der innere morali­sche Fortschritt. Die Historie opponiert sich dieser Anschauung nicht,

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weist sie aber nicht nach. Insbesondere müssen wir uns hüten, diese Anschauungen zum Prinzip der Geschichte zu machen. Unsere Auf­gabe ist, uns bloß an das Objekt zu halten.