JOHANN GUSTAV DROYSEN
Vorlesungen
ÜBER ENZYKLOPÄDIE UND
METHODOLOGIE DER GESCHICHTE
HERAUSGEGEBEN
VON
RUDOLF HÜBNER
1977
Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Darmstadt
S. 5, 11-30:
—5—
1 Die Geschichte
§§ 1-7
Der Ausgangspunkt
Es liegt in der Natur der Sache, daß wir
uns die Definition unserer Wissenschaft und die Regel ihres Verfahrens nicht
leihweise aus anderen Wissenschaften entnehmen. Denn wir würden damit unter
deren Norm treten und von deren Methoden abhängig werden.
Wollten wir, wie in unserer Zeit so oft
gefordert wird, die Geschichte nach der Methode der Naturwissenschaften
behandeln und sagen, sie sei nur so weit wissenschaftlich, als sie auch die
geschichtliche Welt auf die Mechanik der Atome zurückführt, so würde die
Geschichte nur eine der Naturwissenschaften sein. Während doch die
Naturwissenschaften anerkennen, daß sie mit ihrer Mechanik der Atome
keinesfalls alles, was in den Bereich der empirischen Forschungen fällt, zu
erklären vermögen.
Wenn dem so ist, so müssen für diesen
Rest, wie groß oder klein er denn sein mag, andere Erkenntnisformen gefunden
werden können, solche, die für die Eigenartigkeit der Erscheinungen, die in
diesen Rest fallen, die entsprechenden sind, aus diesen Eigenartigkeiten sich ergeben,
für welche sie die geeigneten sein sollen.
[…]
— II —
Geschichte und Natur
Die entscheidende Frage ist, was uns die
Norm gibt und sozusagen berechtigt, aus dem Chaos der empirischen
Wahrnehmungen die einen als Geschichte, die andern als Natur zusammenzufassen?
Wir wissen, daß
alles, was im Raum ist, zugleich in der Zeit ist und umgekehrt, daß also nicht
objektiv sich die Dinge außer uns in Natur und Geschichte trennen, daß Raum und
Zeit nur die allgemeinsten Kategorien sind, nach denen wir uns die Summe aller
Erscheinungen zerlegen und ordnen können. Unsere Auffassung wird die
Erscheinungen in die eine oder andere Reihe stellen, je nachdem der Moment der
Zeit oder des Raumes ihr als das Überwiegende erscheint.
Wir wissen sehr
wohl, daß auch Sonne, Mond und Sterne, daß auch der Stein, die Pflanze, das
Tier in der Zeit sind; aber für den Stein, wie er denn ist, hat die Zeit
höchstens die Bedeutung, ihn verwittern zu machen. Die Pflanze, das Tier hat
wohl einen zeitlichen Verlauf, aber das Weizenkorn, in die Erde gelegt, wird
durch Hahn, Blüte, Ähre zu einer Wiederholung gleicher Körner. Und ähnlich das
Tier, ähnlich das Gesamtleben der Erde, die ganze siderische Welt, deren
Wesentliches uns ihr regelmäßiges Auf- und Niedergehen ist. Das Moment der
Zeit erscheint uns da sekundär, die unendliche Reihe Zeit zerlegt sich in
diesen Gestaltungen in gleiche sich wiederholende Kreise oder Perioden, wie die
Algebra es nennt. Für das individuelle Leben des Tiers, der Pflanze, haben wir
kein anderes Verständnis als das der in ihnen sich wiederholenden Perioden, das
ihrer Stofflichkeit, der physikalischen und chemischen Gesetze, die in ihnen
zur Wirksamkeit kommen; unsere Erforschung an ihnen sucht schließlich die
Mechanik der Atome, welche sie so sein und werden läßt, wie sie sind. Also in
den Erscheinungen dieser Reihe fassen wir nur das Stetige, Stoffliche, an dem
sich die Bewegung vollzieht, die Regel, das Gesetz, nach dem sie sich
vollzieht, — suchen wir das im Wechsel Gleiche, das in der Veränderlichkeit
Bleibende auf; das Moment der Zeit scheint uns überall hier sekundär. Aber die
allgemeine Anschauung Raum gewinnt hier ihren diskreten Inhalt, den eines
unendlich sich ausbreitenden Seins, und die Gesamtheit der sich uns so darstellenden
Erscheinungen des Seins und des im Kreise sich drehenden Werdens fassen wir auf
als Natur.
In anderen
Erscheinungen tritt uns als das Wichtigere das im Bleiben Veränderliche, im
Gleichen Wechselnde entgegen. Denn da sehen wir, daß in der Bewegung nicht
immer wieder zu den gleichen Formen zurückgekehrt wird, sondern sich immer neue
und entwickel
— 12 —
tere Formen gestalten, so neue, daß das Stoffliche, an dem sie erscheinen,
wie zu einem sekundären Moment wird. Wir sehen hier ein stetes Werden neuer
individueller Bildungen. Jede neue nicht bloß eine andere als die frühere,
sondern aus früheren hervorgehend und von ihnen bedingt, so daß sie die
früheren voraussetzt und ideell in sich hat, sie weiterführend und in der
Weiterführung schon auf die noch weitere Gestaltung, die ihr folgen wird,
hinweisend.
Es ist eine
Kontinuität, in der jedes Frühere sich erweitert und ergänzt durch das Spätere
[…], eine Kontinuität, in der die
ganze Reihe durchlebter Gestaltungen sich zu fortschreitenden Ergebnissen
summiert und jede der durchlebten Gestaltungen als ein Moment der werdenden
Summe erscheint. In diesem rastlosen Nacheinander, in dieser sich in sich
steigernden Kontinuität gewinnt die allgemeine Anschauung Zeit ihren diskreten
Inhalt, den einer unendlichen Folgenreihe fortschreitenden Werdens. Die
Gesamtheit der sich uns so darstellenden Erscheinungen des Werdens und
Fort-schreitens fassen wir auf als Geschichte.
Auch in dem
Bereich, den wir als Natur auffassen, sind Einzelwesen, Individualitäten;
möglich, daß es auch für sie eine Bewegung des Fortschreitens, ein
geschichtliches Leben gibt, freilich von einem Standpunkt aus, der außer dem
Bereich unseres menschlichen Erkennens liegen würde. Soweit wir
menschlicherweise sehen und beobachten können, hat nur die Menschenwelt diese
Signatur der fortschreitenden Entwicklung der sich in sich steigernden
Kontinuität.
Denn so wie in
uns selbst, so in allen diesen menschlichen Bereichen erkennen wir als die
bewegende Ursache die Willenskräfte. Und der Wille ist gerichtet auf ein Etwas,
das erst entstehen soll, auf eine Hervorbringung oder Veränderung, die zuerst
nur ideell in uns existiert, d. h. noch nicht existiert, bis sie zur Tat
geworden ist, also daß jeder solcher Willensakt gleichsam auf die Zukunft geht
und das Gegenwärtige und Vergangene zu seiner Voraussetzung hat, darauf
gerichtet, dem Gedanken ein Sein entsprechend zu machen, in welchem er seine
Wirklichkeit und Wahrheit hat, das Sein diesem Gedanken gemäß umzuprägen und
neu zu gestalten, so daß es in ihm wahr wird. Denn wahr ist der Gedanke, dem
ein Sein entspricht, und wahr ein Sein, wenn es dem Gedanken entspricht.
Hier ist das
Bewegende und Wirkende nicht die Mechanik der Atome, sondern der Wille, der aus
dem Ichsein entspringt und bestimmt wird, und der zusammenwirkende Wille
Vieler, die in dieser Gemeinschaft, in diesem Familiengeist, Gemeingeist,
Volksgeist usw. gleichsam ein gemeinsames Ichsein haben, das sich in analoger
Weise verhält.
— 13 —
Das ist es, was die Menschenwelt zur
sittlichen Welt macht. Das Wesen der sittlichen Welt ist der Wille und das
Wollen, das individuell, also frei wie es ist, ein stetes Streben nach dem
Vollkommenen, ein stetes Fortschreiten sein soll und das auch unter demselben
Gesetz bleibt, wenn der Wille und das Wollen dies Gesetz mißachtet und
verletzt.
Die Bewegung
dieser sittlichen Welt fassen wir also zusammen als Geschichte. Und den
Erscheinungen gegenüber, die uns unsere empirische Wahrnehmung aus diesen
Bereichen zuführt, haben wir auffassend ein anderes Verhältnis als der Natur
gegenüber.
Allerdings sind
auch in dem Bereich des menschlichen Lebens Elemente, die meßbar, wägbar,
berechenbar sind, ja ebendiese sind das Substrat oder richtiger das Material,
an dem sich alles menschliche Tun bis zu seinen höchsten und geistigsten Formen
vollzieht.
Denn wir
Menschen, wir schaffen nicht, sondern formen und modeln nur an dem, was wir
natürlich oder geschichtlich Gewordenes vorfinden. Aber am wenigsten diese
materiellen Bedingungen erschöpfen das Wesen der sittlichen Welt, reichen aus,
sie zu erklären, und wer sie damit erklären zu können meint, verliert oder
verleugnet das hier Wesentliche. Nicht mit dem Holz und Blech der Instrumente,
mit der Akustik der Töne und Akkorde, die mit ihnen hervorgebracht werden, ist
eine Beethovensche Symphonie erklärt oder verstanden. Der Komponist hat a]le
diese Mittel und Stoffe und akustische Wirkungen, um ein Etwas
hervorzubringen, das ohne alle Analogie in dem ganzen Bereich der Natur ist,
das, in seiner Seele entstanden, in den Seelen derer, die es mit Hingebung
hören, die Empfindungen und Vorstellungen hervorzaubert, die seine Seele
erfüllten und bewegten. In diesen Tönen spricht er zu uns, wir verstehen ihn in
seinen Tönen, und seine Töne verstehen wir aus der Empfindung, die er in ihnen
aussprach und die uns in allen Registern unserer Seele die gleiche Empfindung
erregen.
Natürlich kann
man, wie bemerkt, auch von Dingen, welche die dargelegte Auffassung als der
Natur zugehörig bezeichnete, ihre Veränderlichkeit und die Reihenfolge ihrer
Veränderungen ins Auge fassen, sie nach dem Moment der Zeit betrachten; und so
wird von der Geschichte der Erde, von der Entwicklungsgeschichte etwa der
Raupe, es wird von der Geschichte der Erdbeben, von Naturgeschichte gesprochen.
Aber man wird sagen dürfen, das ist nur vel quasi Geschichte; Geschichte im
eminenten Sinn ist nur die des sittlichen Kosmos, die der Menschenwelt.
— 14 —
Andererseits: der einzelne Mensch lebt nur seine Zeit und
stirbt dann hin, er hat leiblich betrachtet nur ein periodisches Sein.
Auch das einzelne
Volk überdauert nicht für immer, es verändert sich; wie es seine Jugend hat, so
altert es auch und stirbt ab.
Das Leben in der
Geschichte ist nicht ein nur fortschreitendes; die Kontinuität zeigt sich da
und dort unterbrochen, überspringend, selbst zeitweise rückläufig.
Allerdings; aber
überspringend nur, um das hier Begonnene dort fortzusetzen; rückläufig nur, um
dann mit doppelter Spannkraft wieder vorzudringen. Und oft genug zeigt sich,
daß ein Volk in der Überspannung seiner intellektuellen Kräfte wie zur Schlacke
wird, wie ein Ackerfeld, das durch Raubbau ausgesogen ist, wie Italien in der
späteren Kaiserzeit. Wenn dann auf dem brachliegenden Acker neue Bildungen
entstehen, welche die Trümmer und Reste des Alten überdecken und so in sich
aufnehmen, so stellt sich die Kontinuität wieder ein, deren Fäden zu erfassen
auch die Zeit des Brachliegens für die Forschung bedeutsam und anziehend macht.
Dies, um
anzudeuten, wie der Gedanke der Kontinuität auch da noch für uns geltend ist
und sein kann, wo sie aufzuhören scheint.
In dieser Reihe
elementarer Vorfragen verdient noch ein weiterer Punkt Beachtung.
Die Gestaltungen
und Bewegungen der sittlichen Welt, auf welche die historische Empirie sich
wendet, sind uns, wie dargelegt, darum faßbar und in höherem Grade zugänglich
als die der natürlichen Welt, weil wir sie wahrnehmend nicht bloß Zeichen
empfangen, sondern Ausdrücke und Abdrücke desselben Zeichensystems, mit dem wir
selbst arbeiten.
Diese
Kongenialität, diese Gleichheit in den Zeichen und den Registern, in denen wir
die sinnlichen Wahrnehmungen auffassen, in den Reflexen und Widerklängen, mit
denen das Ich sich nach draußen äußert, ist allen Menschen gemein und das dem
Menschengeschlecht Eigentümliche. Und darum ist, was die Menschen allerorten
und aller Zeiten wahrnehmend, denkend und sprechend, wollend, handelnd und
schaffend getan haben, ein Ganzes, eine Kontinuität, ein Gemeinbesitz, eine
stete [#epidosis eis auto?]. Und der
Grund, warum wir das Bedürfnis haben, uns solcher Kontinuität bewußt zu sein
und immer mehr bewußt zu werden, ist, weil wir, jeder einzelne an derselben
sein Teil haben. Jeder an seiner Stelle ist nicht bloß eine Summe des bis zu
ihm Durchlebten und Erarbeiteten, sondern ein neuer Anfang weiterer Arbeit; und
eben darum ist er an seiner Stelle
— 15 —
notwendig und seine Eigenart von Wert und
Bedeutung. Sein Wert und seine Bedeutung bestimmt sich danach, wie er an seiner
Stelle nach seiner Eigenart, wie umfassend oder eng sie sein mag,
weiter-arbeitet. So er und jeder und alle. Sie können es nicht bloß, sie sollen
es, denn es ist ihr Wesen; jeder ist nur so weit ein Ich, als er so ist und
tut. Er würde unter seinem Wesen und Beruf bleiben, sich selbst verlieren, er
würde nur als Material und Masse gelten, nicht als in sich volles und
geschlossenes Ich, als Persönlichkeit, wenn er dieser seiner Pflicht nicht
leben wollte.
Wir durften sagen:
jeder einzelne ist ein historisches Ergebnis. Nicht nach seiner kreatürlichen
Seite; nach dieser steht er in den zusammenhängen, die wir mit dem Begriff
Natur zusammenfassen; wenigstens auch unter diesem kann er da gefaßt werden und
muß es, z. Ii. von dem Arzte. Aber von dem Moment seiner Geburt an wirken
unabsehbare Faktoren jener großen Kontinuität, welche der historischen Empirie
zustehen, auf ihn ein. Bewußtlos noch empfängt er die Fülle von Einwirkungen
seiner Eltern, ihrer geistigen und leiblichen Dispositionen, die der
klimatischen, landschaftlichen, ethnographischen Umgebungen. Er wird
hineingeboren in das ganze Geworden-sein, in die historischen Gegebenheiten
seines Volkes, seiner Sprache, seiner Religion, seines Staates, seiner schon
fertigen Register und Zeichensysteme, in denen aufgefaßt, gedacht und gesprochen
wird, aller der schon entwickelten Vorstellungen und Auffassungen, welche die
Grundlage des Wollens, Tuns und Gestaltens sind. Und erst dadurch, daß der so
hereintretende Neuling das so schon Erworbene, Unendliches lernend, an sich
nimmt, in sich von neuem summiert und so sein eigenes Ich daraus auferbaut, daß
sein innerstes und eigenstes Wesen so mit dem geschichtlich Gewordenen um ihn
her verschmilzt, daß er damit, wie leiblich mit seinen Organen und Gliedern,
unmittelbar schaltet, — erst damit hat er ein mehr als kreatürliches und
animalisches, hat er ein menschliches Leben.
Er ist nicht
durch seine Geburt schon in dem vollen Hier und Jetzt, in der lebendigen
Gegenwart des menschlichen Seins. Er ist es nur erst der Möglichkeit nach; er
muß, um ein Mensch zu sein, erst ein Mensch werden; und nur in dem Maße ist er
es, als er es zu werden und immer mehr zu werden versteht. Darum sind die
Kinder nicht etwa diminutive Erwachsene, sie sind nicht bloß quantitativ von
den Erwachsenen unterschieden; ein Kind ist ein qualitativ anderes als der
Jüngling, der Mann. Das ist ein Fundamentalsatz für alle Erziehung, und nichts
Unseligeres, als wenn sie das vergißt, wie in überbildeten Verhältnissen nur zu
gewöhnlich ist. Das Kind bewegt
— 16 —
sich erst hinein und hinauf zu diesem
reich gefüllten Inhalt der Gegenwart, und diese Gegenwart ist die Summe
unendlicher historischer Durchlebungen. Diese hat das Kind innerlich
nachzuleben, d. h. es hat zu lernen, und mit dem ersten Wort, das das Kind
hören und nachsprechen lernt, beginnt dieses innerliche Erleben und Nachleben.
Dadurch, daß
jeder, in das Resultat des von seiner Familie, seinem Volk, seiner Zeit, von
den Jahrhunderten vorher, von der Menschheit Durchlebte hineingestellt, sich in
dies Niveau der gewordenen Gegenwart hinaufarbeitet, dadurch also, daß er mit
Bewußtsein in der Geschichte und die Geschichte in seinem Bewußtsein lebt,
eben dadurch erhebt er sich über die bloß kreatürliche zu der geistigen und
sittlichen Existenz, die den Menschen über die Monotonie der übrigen Schöpfung
stellt, ihn gleichsam aus dem Raum in die Zeit, aus der Natur in die Geschichte
erhebt, ihn aus einem unsteten Atom in dem bloß peripherischen Ebben und Fluten
der Erscheinungswelt zu einem neuen Mittelpunkt macht.
Mit gutem Grunde
nennen die Alten das Menschsein humanitas, Bildung. Die Bildung ist durch und
durch historischer Natur, und der Inhalt der Geschichte ist die rastlos
werdende humanitas, die fortschreitende Bildung.
Hiermit haben wir
den Punkt, der unserer Wissenschaft ihre eigenste Bedeutung gibt. Wir sehen sie
mit einer Aufgabe beschäftigt, die spezifisch der menschlichen Natur, dem Sein
des endlichen Geistes angehört. Die Menschenwelt ist durch und durch
geschichtlicher Natur, und das ist ihr spezifischer Unterschied von der
natürlichen Welt. Die geschichtliche Welt ist die wesentlich menschliche; sie
ist zwischen der natürlichen und der übernatürlichen, wie der Mensch selbst
seinem sinnlich-geistigen Wesen nach an beiden teilnimmt.
Und noch
bestimmter: das cogito ergo sum ist nicht ein Grundsatz, ein Prinzip; aber es
ist eine Tatsache, die erste in der Reihe aller Tatsachen, deren wir gewiß
sind. Durch sie erst haben wir die Gewißheit von der Welt der Erscheinungen
draußen, die wir sinnlich wahrnehmen und in unseren Denkformen geordnet
zusammenfassen. Nur dasselbe cogito ergo sum gibt uns die Hinweisung und die Zuversicht,
daß, wie unser einzelnes Ich, so Millionen gleiche, die mit uns sind und vor
uns waren und in Einer großen Kontinuität weiter arbeiten, nur Beispiele, nur
Reflexe, nur die vorübergehenden Epiphanien einer dauernden, stetig wirkenden,
außer Raum und Zeit stehenden Einheit sind, der absoluten des höchsten Wesens,
wie unser Geist sie mit seinem Denken zu erkennen sucht, in seinem Glauben sich
ihrer gewiß weiß.
— 17—
II Die historische Methode
§§ 8—15
Ist denn nun
diese Sphäre von Erscheinungen, die wir für die historische Empirie in Anspruch
nehmen, dazu angetan, daß sie einer besonderen wissenschaftlichen Methode
bedarf? Und welche Momente bietet sie, eine solche zu entwickeln?
Natürlich sind
die Erscheinungen dieser Sphäre zu allen Zeiten nach ihrer Art aufgefaßt
worden. Aber es ist gleichsam nur faktisch, gleichsam instinktiv geschehen. Das
Bewußtsein, daß es eine wissenschaftliche Aufgabe sei, sie so zu erfassen, und
daß diese methodisch gelöst werden könne, ist erst ungemein spät erwacht, wie
die Menschen ja auch ungemessene Zeiten hindurch gegangen sind, gesprochen‘
gedacht haben, ehe sie sich der Gesetze der Logik, des Baues und der Regeln
ihrer Sprache, der Physiologie ihres Gehens usw. bewußt geworden sind.
Man wird nicht
sagen dürfen, daß das klassische Altertum, so vortreffliche Geschichtswerke es
hervorgebracht hat, zu dem Bewußtsein gelangt ist, daß die historische
Forschung eine eigene Methode haben könne und müsse. Selbst Aristoteles, der
auch historisch vielfach geforscht hat, sieht die Geschichte nicht als eine
Wissenschaft an und findet (Poet. 9), daß die Poesie philosophischer sei als
die Historie, denn die Poesie sage das allgemeine,[…] , die Historie nur einzelnes, […]. Bei ihm […] sind auch zwei
Fragen als der Historie zugehörend bezeichnet — und mehr noch in dem gelehrten
Jahrhundert nach ihm tritt für sie die Philologie ein, mit der von der Fülle
des historischen Materials mehr und mehr nur die Schriften als Gegenstand der
Forschung bleiben und das einzelne […], ausschließlich
die Aufmerksamkeit fesselt.
Zu allen Zeiten
hat die Spekulation, die theosophische wie die philosophische, in den Gebieten,
die der Geschichte angehören, das große Wort zu führen versucht, wie nicht
minder in denen der Natur, bis dann die Rückkehr zu den klassischen Studien im
15. Jahrhundert und der freiere Geist der Reformation andere Wege erschloß.
Aber kaum, daß sich unsere Wissenschaft von der philosophischen und theo-
— 18 —
logischen Beherrschung freigemacht hat —
das große Verdienst des i8. Jahrhunderts —‚ so sind die Naturwissenschaften da,
sich ihrer anzunehmen und sie bevormunden zu wollen. So wie vor 50 Jahren die
Philosophie noch im vollen Übermut der Alleinherrschaft sagte, nur das
Philosophische ist wissenschaftlich und die Geschichte ist nur Wissenschaft,
sofern sie philosophisch zu sein weiß, — ebenso kommen jetzt die
Naturwissenschaften und sagen, Wissenschaft ist nur, was in der
naturwissenschaftlichen Methode sich bewegt, und die sog. positive Philosophie
von Comte und Littr~ schließt sich ihnen an, und Thomas Buclde schreibt drei
Bände, um auf diesem Wege, wie er es ausdrückt, die Geschichte zu dem Rang
einer Wissenschaft zu erheben.
Die wissenschaftlichen Methoden sind wie
die Organe unserer sinnlichen Wahrnehmung: sie haben wie diese jede ihre
spezifische Energie, ihren bestimmten Kreis, für den sie geeignet sind, und bestimmen
sich nach demselben in ihrer Art und Anwendbarkeit. Gewiß ist das Auge ein für
seinen Zweck bewunderungswürdig eingerichtetes Organ, aber wer würde wollen,
daß auch das, was man nur hören, riechen, schmecken kann, auf dem Wege des
Auges wahrgenommen werden sollte. Freilich, man kann an den Schwingungen einer
Saite, die den Ton ergaben, sehen, wie der Ton tief ist, aber man sieht nicht
den Ton, sondern nur Schwingungen, denn die Eigenschaft, diese Schwingungen als
Ton wahrzunehmen, hat nur das Ohr. Wenn die Naturwissenschaft nicht befähigt
ist, alles nach ihrer Art zu erfassen, so kann man daraus doch nicht schließen
wollen, daß das andere wissenschaftlich überhaupt nicht zu erfassen sei, daß
der Duft einer Rose, die Töne einer Geige, weil sie nicht gesehen werden
können, überhaupt nicht wahrzunehmen seien; vielmehr hat man dafür andere
Sinne. Und wenn in der Welt der Erscheinungen deren bleiben, die sich zu der
naturwissenschaftlichen Methode irrational verhalten, so müssen für diese, wie
viele oder wenige sie sein mögen, andere Erkenntniswege zu finden sein, denn
sonst würden wir nicht aus unseren längst instinktiv geübten Wahrnehmungen
wissen, daß es Erscheinungen gibt, die eine andere als die
naturwissenschaftliche Empirie fordern.
Bei der
historischen Methode, die wir suchen, wird es auf dreierlei ankommen:
1. auf das Material, das uns zur historischen
Empirie vorliegt;
2. auf das Verfahren, mit dem wir aus diesem
historischen Material Ergebnisse gewinnen;
3. auf
die so gewonnenen Ergebnisse und deren Verhältnis zu den Tatsächlichkeiten,
über die wir Aufklärung suchen.
— 19 —
1. Das Material für die historische Empirie.
Unser Ich, das die
Welt der Erscheinungen nach Raum und Zeit verteilt auffaßt und sich vorstellt,
sieht, dem Raum nach, um sich die Natur in ungemessenem Gebreite; der Zeit nach
gehört ihm nur der Moment, es lebt nur in dem Moment, hinter sich die endlose
Leere dessen, was vergangen ist, vor sich die endlose Leere dessen, was kommen
wird.
Aber diese Leere
rückwärts erfüllt sich das Ich mit den Vorstellungen dessen, was war, mit
Erinnerungen, in denen ihm das Vergangene unvergangen ist; und die Leere
vorwärts füllt es sich mit den Hoffnungen und Plänen, den Vorstellungen von
dem, was es wollend verwirklichen will oder von anderen verwirklicht zu sehen
erwartet.
Jene Vorstellungen
von dem, was war, aber vergangen ist, haben wir zunächst dadurch, daß wir
selbst da mitgetan und mitgelebt, dann weiter rückwärts durch die Erinnerungen
anderer, unserer Familie, unseres Volkes; haben wir ferner in der Fülle von
Dingen und Gestaltungen, die uns umgeben, in unserem Lernen, in unserer Sprache
selbst, die mit ihrem Inhalt an Worten und Vorstellungen in ungemessene
Vergangenheiten zurückreicht.
Das alles haben
wir zunächst unbewußt und gleichsam unmittelbar. Unser geistiger Inhalt ist
eine ungemessene Fülle von Resten der Vergangenheit, die sich in uns als unsere
Vorstellungswelt hier und jetzt zusammengefaßt finden. Erst durch einen Akt der
Reflexion wird sich unser Ich bewußt, daß diese seine Vorstellungswelt
geworden, Schicht auf Schicht auferbaut, historischer Art ist; daß es von
dieser Welt von Vorstellungen die meisten vorgefunden, ererbt, lernend sich
angeeignet hat; daß dies unser Ich von dieser Welt von Vorstellungen in seinen
Meinungen, Urteilen, Bestrebungen, in seinen Gedanken von dem, was gut, recht,
wahr und schön ist, in seinem Wollen und Tun bestimmt ist; daß unser Ich in
seinem ganzen geistig-sinnlichen Sein und Tun durch dies sein Gewordensein,
durch diesen seinen historisch bedingten Inhalt bestimmt ist. Oder wenn Kant in
der Kritik der reinen Vernunft, in seinerErkenntnistheorie zu dem Ergebnis
kommt, daß der denkende Geist das Ansich der Dinge, ihre Gewißheit, nicht
erreicht, in der Kritik der praktischen Vernunft dagegen nachweist, daß unser
freies Wollen durch die unbedingte Gewißheit und Wirklichkeit der Erkenntnis
bedingt und in dem Pflichtbegriff bewährt ist, — so ist es dieser sozusagen
historische Inhalt unseres Ich, der diesen scheinbaren Widerspruch beseitigt.
Denn in dem Denken der reinen Vernunft sieht das Ich von diesem seinem Inhalt
völlig ab und arbeitet nur als die logische Kraft dieses denkenden einzelnen,
— 20 —
während in allem Handeln der Gesamtinhalt des Ich, wie er historisch
bedingt und geworden ist und aus dem wir wollen und handeln und wirken, in
Kraft tritt. Jene Gewißheiten der praktischen Vernunft sind die Erarbeitungen
der Geschichte, die Ergebnisse der [epidosis] eis auto], die die geschichtliche
Welt zu der sittlichen Welt macht.
Praktisch leben,
handeln und schaffen wir fort und fort aus diesem Gesaxntinhalt unseres
geistigen Seins, und jede Gegenwart ist erfüllt von dem endlosen Mit- und
Durcheinanderarbeiten von Zwecken, Interessen und Tätigkeiten ungezählter
gleichbewegter Menschenwesen, deren jedes in analoger Weise von dem gewordenen
Inhalt seines geistig-sittlichen Lebens bestimmt wird. Und wie heut und
gestern, so vor Jahrhunderten und Jahrtausenden; und diese Bewegung der
Menschenwelt hat sich in rastloser Kontinuität bis auf das Hier und Heut
fortgesetzt.
Wenn nun der
menschliche Geist sich darauf zu besinnen beginnt, daß sein Hier und Jetzt,
alles, was ihn erfüllt und was ihn Menschliches umgibt, in solcher Kontinuität
erwachsen ist, und wenn er versucht, sich über das, was so in und um ihn ist,
klarzuwerden, und, um dessen bewußt und gewiß zu sein, unternimmt, zu
erforschen, wie es so geworden ist, so kann er sich zu dem Zweck nicht an die
Vergangenheiten wenden, denn diese sind ja eben vergangen. Sondern nur was in
ihm und außer ihm in dem Jetzt und Hier davon noch unvergangen ist und, in wie
veränderter Gestalt immer, noch empirisch zu erfassen ist, das wird ihm die
gesuchte Auskunft geben müssen und geben können.
Dies ist der
erste große Fundamentalsatz unserer Wissenschaft, daß, was sie über die
Vergangenheiten erfahren will, sie nicht in diesen sucht, denn sie sind gar
nicht und nirgend mehr vorhanden, sondern in dem, was von ihnen noch, in
welcher Gestalt immer, vorhanden und damit der empirischen Wahrnehmung
zugänglich ist.
Unsere ganze
Wissenschaft beruht darauf, daß wir aus solchen noch gegenwärtigen Materialien
nicht die Vergangenheiten herstellen, sondern unsere Vorstellungen von ihnen
begründen, berichtigen, erweitern wollen, und zwar durch ein methodisches
Verfahren, das sich aus diesem ersten Lehrsatz entwickelt.
Unbewußt, für den
einzelnen Fall, gewohnheitsmäßig, heut wie allzeit so, treibt jedermann das,
was uns zur historischen Wissenschaft werden soll. Aber erst mit der Einsicht
darüber, um was es sich handelt, gewinnt die Aufgabe nicht bloß ihre
Bestimmtheit und Schärfe, sondern den unermeßlichen Umfang, den wir uns
wenigstens summarisch mit dem Ausdruck bezeichnen konnten, daß die Geschichte
das Werden der menschlich-sittlichen Welt umfasse. Also alles, was wir
— 21 —
in diesem Kosmos der sittlichen Welt
vorfinden, jedes einzelne Mo ment und
jede einzelne Gestaltung, hat ihr Gewordensein und steht in näherer oder
fernerer Beziehung mit allen anderen Gestaltungen da. Es wäre Torheit und
dilettantisch, glauben zu wollen, daß es möglich sei, dies Ganze zu fassen und
zu umspannen. Unsere Wissenschaft ist nicht die Geschichte, sondern die
[istoria], die Forschung, und mit
jeder neuen Forschung erweitert und vertieft sich die Geschichte, d.h. unser
Wissen von dem Kosmos der sittlichen Welt, das dann theoretisch die Ethik, mit
jeder neuen Stufe in erweiterter Gestalt, schematisieren und dogmatisieren mag.
Das Material also unseres Forschens ist,
was aus den Vergangenheiten der sittlichen, der Menschenwelt noch unvergangen
ist.
Wir sahen:
prägend, formend, gestaltend, in jeder Äußerung läßt der Mensch einen Ausdruck
seines eigensten Wesens, seines Willens und seines Gedankens zurück. Auch das
Menschenwesen steht inmitten jenes räumlichen Seins, jenes Stoffwechsels der
Natur, und es kann sich nicht anders halten und individualisieren, als indem es
das ihm Nötige aus derselben herausnimmt und sich anorganisiert und zu seinem
Stück Welt macht, wie Tier und Pflanze sich ernährend auch tut. Aber bei dem
Menschen geschieht dies in einem Umfang, in einer Freiheit, die weit über die
Analogie der nur kreatürlichen Existenz hinausgeht, es geschieht mit einer
Steigerung der formenden Kraft, für die es weder eine Grenze noch ein Maß zu
geben scheint. Dies menschliche Wesen vermag selbst das Flüchtigste, die
Lichtwelle, zu fixieren, die Schallwelle zu beherrschen, um den Gedanken, in
Laute geformt, zu äußern und das gesprochene Wort als Bild, als Schrift
irgendeinem Stoff aufzuprägen; es vermag so dem bloß Gedachten, bloß
Empfundenen, jeder Regung in der Seele Ausdruck, Dauer, Wahrnehmbarkeit zu
geben. Es vermag die Elemente, die Naturkräfte, die Stoffe, indem es ihnen ihre
Gesetze ablauscht, nach seinem Willen zu zwingen und durch berechnete
Kombinationen ihre stofflichen oder dynamischen Eigenschaften in kunstreichen
Mechanismen nach seinem Willen und für seine Zwecke arbeiten zu lassen.
Zahllos sind die Formen, in denen sich die formgebende Kraft des Menschenwesens
entwickelt; und formend, prägend, kombinierend, in jeder Äußerung macht das
flüchtige Dasein des einzelnen die Stoffe zu Trägern dessen, wodurch er an dem
Göttlichen und Ewigen teilhat.
Alle diese
Formungen sind, wenn auch mehrere einzelne, ganze Stämme, Völker daran
gearbeitet haben mögen, wesentlich individueller Art, da es Willensakte sind,
die da zusammenwirkend formten. In diesen Formungen, so viel davon auch
vorliegt, kann man das
— 22 —
Persönliche, das Individuelle der
Formenden erkennen, denn in der Formung gab es sich einen Ausdruck, wie der
Klang des Wortes, die Züge des Schriftbildes individuell sind, wenn schon
Hunderte und Tausende sich desselben Zeichens bedienen, um sich zu äußern, und
wie ein Bauwerk Zeugnis von den individuellen Willensakten derer gibt, die
daran bauten, obschon ihrer viele gemeinsam an dem einen großen Werk
arbeiteten. Und diese menschliche Signatur ist so scharfer und ätzender Art,
daß, wo auch nur Reste, auch nur Spuren von ihr noch vorhanden sind, man sofort
erkennt, daß sie von Menschengeist und Menschenhand stammen, also Ausdruck und
Abdruck des innersten Wesens dessen und derer sind, die es so geformt haben.
2. Das führt zu dem zweiten Punkt. Denn dies
innerliche Wesen ist nicht völlig identisch mit jeder dieser Äußerungen, tritt
nicht ganz und abschließend in ihr hervor. Diese Äußerungen sind der Zeit nach
viele und verschiedene, aber jede derselben ist eine Äußerung desselben
Innersten, wie ein Beispiel davon, wie ein Stückchen Peripherie zu dem
Mittelpunkt, von dem aus diese Äußerung nach und mit vielen anderen gefaßt ist;
alle diese Stückchen Peripherie, alle diese Aus-und Abdrücke weisen auf
dasselbe Zentrum hin; dies Zentrum ist die Kraft, die in jeder dieser Äußerungen
zur Erscheinung kommt. Diese formende Kraft gilt es in ihren Äußerungen zu
erkennen und zu erfassen, sie aus diesen, wie viele oder wenige uns denn
vorliegen, zu rekonstruieren. Diese Ausdrücke gilt es auf das zurückzuführen,
was sich in ihnen hat ausdrücken wollen. Es gilt, sie zu verstehen
Damit haben wir
das bezeichnende Wort. Unsere Methode ist forschend zu verstehen. Das ist der
zweite Fundamentalsatz (siehe dazu den Grundriß §§ 8ff.).
Das einzelne Ich,
das in seinem Körper ganz für sich, in dem vollen und empfundenen Gegensatz
gegen die Welt der Erscheinungen draußen und in sich geschlossen, wie ein
einsamer Punkt in der Welt der Erscheinungen dahingeht, es äußert, seiner
Doppelnatur nach, jeden seiner inneren Vorgänge durch seine sinnliche Seite
nach dem System von Zeichen, die es, durch die Sinne von außen erregt, in sich
entwickelt hat; es tritt in diesen spontanen Reflexen und Wiederklängen der
empfangenen Sinneseindrücke und den Kombinationen derselben, die es in sich
vollzieht, immer wieder aus seiner Einsamkeit heraus und in lebendigen Kontakt
mit der Welt draußen.
Und wenn es mit
diesen seinen Äußerungen durch Mienen, Worte, Willensakte auf Gebilde trifft,
die ihm gleichgeartet und von gleicher sinnlich-geistiger Komplexion sind, so
empfangen diese durch seine Äußerungen ihrerseits Sinneseindrücke, die in
analoger Weise sie
— 23 —
anregen und erregen, da sie sich kongenial zu
ihnen verhalten. Von der Begier erglüht mir das Auge, die Furcht macht mich
zittern, dem plötzlichen Schrecke folgt der krampfige Schrei. Das geschieht wie
mir so jedem anderen. Der Schrei der Angst läßt den, der ihn hört, die Angst
des Schreienden empfinden.
In den
unmittelbarsten Äußerungen seiner sinnlich-geistigen Natur begegnet sich der
Mensch noch mit den höher gearteten Tieren. Auch der Hund zittert vor Angst,
auch das Pferd schnaubt, wenn es die Trompete hört. Die Zähmung der Tiere
beruht darauf, daß wir ihnen etwas von ihrer Seele ablauschen, daß wir gewisse
Regungen derselben verstehen. Freilich, warum der Stier des spanischen
Stiergefechts wütend wird, wenn er ein rotes Tuch sieht, verstehen wir nicht
mehr; die rote Farbe muß auf ihn einen völlig anderen Eindruck machen als auf
uns. Noch weniger verstehen wir die Pflanzenseele, wenn sie, höchst empfindlich
gegen die Schwingungen, die wir als Licht empfinden, von den Schwingungen, die
wir als Ton wahrnehmen, keine Empfindung zu haben scheint. Und von Sonne, Mond
und Sternen endlich verstehen wir so gut wie nichts weiter, als daß sie sich
nach derselben Regel bewegen, die wir als Fallbewegung, als das Gesetz der
Schwere kennen. Ganz versteht nur der Mensch den Menschen.
Es ist eine
unhistorische, also für uns völlig müßige Frage, ob das genus homo irgend
einmal in dem Zustand gewesen ist, den uns noch die höher entwickelten Tiere
zeigen. Und doch müßte diese Frage historisch, nicht bloß naturhistorisch oder
gar in bloßen prähistorischen Hypothesen beantwortet sein, wenn für die
allgemeinen Folgerungen, die Darwin und Häckel u. a. daraus machen, die Beglaubigung
gewonnen werden sollte.
Soweit wir
historisch von dem Menschen wissen, ist er weit über tierische Zustände hinaus.
Nicht bloß, daß er die Sinneneindrücke, die er empfängt, auf die seiner
Gattung eigentümliche Weise reflektiert: er schreitet von den bloßen Eindrücken
zu deren seelischer Kombination, zu Unterscheidung und Vergleichung, zu Urteil
und Schluß, zu freier Weiterbildung des Gedankens fort. Nur im menschlichen
Wesen wird die Summe der Sensationen zu einer Totalität vereint, welche in der
vereinigenden Kraft, in dem Ich, ihre Stelle, ihr Organ, ihr eigentümlich
freies Wollen und Können hat. In dei Sprache zunächst bricht dies sein
innerstes Wesen hervor, nicht bloß in Interjektionen wie bei den höheren
Tieren, sondern mit der ganzen Fülle des Unterscheidens und Vergleichens, des
Urteilens und Schließens, in der sich unser Geist bewegt. Unsere Sprache ist
unser Denken,
— 24 —
und nur das Denken macht uns sprechen. Das Tier spricht nicht, weil es
nichts zu sagen hat, trotz aller anthropoiden Affen.
In der Sprache vor allem hat der Mensch
die Möglichkeit, aus der Einsamkeit seines in sich geschlossenen Wesens
herauszutreten. Das Ichsein, die absolute Schranke, die Seele von Seele trennt,
baut in der Sprache die Brücke von sich hinaus, zu sich hinein.
Die Sprache,
durch das Ohr vermittelt, ist nur Eine solche Äußerungsweise, in der die
Totalität des Ichseins hervorbricht, freilich die vollkommenste und zugleich
primärste. Neben ihr gibt es andere, mannigfaltige. Schon daß der flüchtige
Schall des Wortes durch die Schrift dem Auge, auch dem nach Raum und Zeit entfernten,
vermittelt werden kann, ist eine unermeßliche Erweiterung der Sphäre des Ich.
Aber ebenso kann
ich das Bild, das ich von Personen oder Sachen aufgefaßt, wie in Worten
schildern, so in Farben, in Stein, in Metall wiedergeben und, vorübergehend wie
das Urbild war, dessen Nachbild verewigen, solange der Stoff währt, in dem es
ausgeprägt ist. Es ist meine Auffassung von dem Urbilde, die dasselbe
überdauert. In gleicher Weise kann ich lehrend, erwerbend, ordnend in meine
Familie, mein Volk Formungen schaffen, die weit über die kurze Spanne meines
Lebens hinausdauern und hinauswirken, und solange sie wirken, sind sie Zeugnis
von meiner Wirksamkeit, meinem Willen, meinen Gedanken; ich lebe in ihnen,
nachdem ich längst vergangen bin.
Mehr noch, das
denkende Ich baut sich für seine Zwecke, die Bereiche seiner Sinneswerkzeuge
und ihre Kraft zu steigern, aus den Stoffen der Natur und ihren erkannten
Gesetzen Werkzeuge aller Art, bis zu den staunenswürdigsten Maschinen; auch
eine Seite der [epidosis eis auto], während,
soviel bekannt, kein Tier auch nur entfernt ähnliches kann, mit Ausnahme des
Lagers oder Nestes, das es baut.
Es ist nur eine
Weiterführung des Gesagten, daß auch die Werke der Industrie, die Gründungen
von Städten und Befestigungen, der Bau von Häfen, Wegen, daß auch Recht,
Gesetz, Staat, Kirche, kurz alle menschlichen Formgebungen, auch wenn das,
gemeinsame Wollen vieler sie schuf oder umformte, derselben Art sind, Ausdruck
des menschlichen Geistes und dem menschlichen Geist verständlich, so wie sie
ihm empirisch wahrnehmbar werden.
Mit einem Wort:
nichts, was den menschlichen Geist bewegt und sinnlichen Ausdruck gefunden hat,
das nicht verstanden werden könnte, nichts verstehbar, das nicht in dem Bereich
unserer Kongenialität liegt, den wir der historischen Empirie zugehörig
erkannt haben, in dem Bereich der sittlichen Welt.
— 25 —
Denn weder in dem Bereich der Spekulation
noch in dem der Natur gibt es ein eigentliches Verstehen. Die philosophische
Spekulation hat wohl Beweise vom Dasein Gottes, aber sie beweisen nur, daß
menschliches Denken das X, das Absolute und Ewige, wohl sucht, aber nicht
erreicht, sondern nur die Richtung sieht, in der es sein müßte. Und die
theologische Spekulation, der fromme Glaube, erkennt die Gottheit nur in dem
Maße, als sie sich ein anthropomorphisches Bild von ihr macht, sie als höchste,
nicht durch Raum und Zeit gebundene Steigerung dessen anschaut, was das
menschliche Ich nur in flüchtigem Dasein ist. Die eine wie andere Weise kann
das ewig Verhüllte nur ahnen, nur in gewisser Weise, bis zu einem gewissen
Grade erkennen.
Und die Dinge im
Raum, die wir als Natur zusammenfassen, sie werden von uns nur so weit
verstanden, als wir sie praktisch oder theoretisch unter den Kategorien, den
Denkregistern fassen, die unserem Ich eigentümlich sind. Wir verstehen sie nur
nach dem Stoff, den sie enthalten, als Material für unsere Zwecke, nach den
Kräften, die sie latent oder offenkundig in sich tragen, für unsere Benutzung,
nach den Regeln und Gesetzen, in denen sich der Kreislauf ihres Seins
wiederholt. Das Individuelle, das Eigenleben, das sie haben, ist uns
gleichgültig. Denn das verstehen wir nicht. Wir toten den lebenden Baum, um ihn
als Brennholz zu verwenden, wir unterbrechen das Leben der Weizenhalme, um
ihren reifen Samen als Nahrungsmittel zu brauchen, wir benutzen das rastlose
Strömen des Baches, um durch die Kraft seiner Bewegung unsere Mühle zu treiben.
Wir dringen in den Felsen hinein, um gewisse Adern desselben Stück vor Stück in
den Schmelzofen zu werfen und so Eisen, Kupfer, Silber zu gewinnen.
Unser
historisches Verstehen ist ganz dasselbe, wie wir den mit uns Sprechenden
verstehen. Es ist nicht bloß das einzelne Wort, der einzelne Satz, die wir auffassen,
sondern diese einzelne Äußerung ist Uns Eine Äußerung seines Innern; und wir
verstehen sie als von diesem Innern Zeugnis gebend, als ein Beispiel, als einen
Strahl der zentralen Kraft, die, in sich gleich und dieselbe, sich, so setzen
wir Voraus, wie In jeder ihrer Äußerungen so auch in dieser darstellt. Das
Einzelne wird verstanden in dem Ganzen, aus dem es hervorgeht, und das Ganze
aus diesem Einzelnen, in dem es sich ausdrückt. Der Verstehende, wie er selbst
ein Ich, eine Totalität in sich ist, wie der, den• er zu verstehen hat, ergänzt
sich dessen Totalität aus der einzelnen Äußerung und die einzelne Äußerung aus
dessen Totalität.
— 26 —
Das Verstehen ist das vollkommenste Erkennen, das uns menschlicherweise
möglich ist. Darum vollzieht es sich wie unmittelbar, plötzlich, ohne daß wir
des logischen Mechanismus, der dabei tätig ist, bewußt sind. Daher ist der Akt
des Verständnisses wie eine unmittelbare Intuition, wie ein schöpferischer
Akt, wie ein Lichtfunken zwischen zwei elektrophoren Körpern, wie ein Akt der
Empfängnis. In dem Verstehen ist die ganze geistig-sinnliche Natur des Menschen
völlig mittätig, zugleich gebend und nehmend, zugleich zeugend und empfangend.
Das Verstehen ist der menschlichste Akt des menschlichen Wesens, und alles
wahrhaft menschliche Tun ruht im Verständnis, sucht Verständnis, findet
Verständnis. Das Verstehen ist das innigste Band zwischen den Menschen und die
Basis alles sittlichen Seins.
Auch das dem Raum
und der Zeit nach Entfernte, auch das in ferner und fernster Vergangenheit von
Menschen Gewollte, Getane, Geschaffene ist zu fassen wie das Wort des hier und
jetzt zu uns Sprechenden. Das ist das Wesen des [istorein]. Die Aufgabe des
Historikers ist forschend zu verstehen.
3. Noch bleibt uns
die dritte Frage: welcher Art sind die so gewonnenen Ergebnisse und inwiefern
haben sie wissenschaftlichen Charakter?
Das sieht man: die
Tatsachen der Vergangenheit, ja die Vergangenheiten selbst wiederherzustellen,
das kann nicht der Zweck unserer Methode und noch weniger deren Ergebnis sein.
Es ist ebenso gedankenlos, wie wenn man von uns erwartet, daß wir die
objektiven Tatsachen der Vergangenheit beobachten sollen, die ein für allemal
vergangen sind, und ebenso schief, von uns zu erwarten, daß wir von dieser oder
jener vergangenen Zeit ein Abbild geben sollten. Denn es könnte nur ein Bild
der Phantasie sein, da das, was abzubilden wäre, nicht mehr vorhanden ist,
sondern nur in unserer Vorstellung sein kann.
Unsere Aufgabe kann
nur darin bestehen, daß wir die Erinnerungen und Überlieferungen, die
Überreste und Monumente einer Vergangenheit so verstehen, wie der Hörende den
Sprechenden versteht, daß wir aus jenen uns noch vorliegenden Materialien
forschend zu erkennen suchen, was die so Formenden, Handelnden, Arbeitenden
wollten, was ihr Ich bewegte, das sie in solchen Ausdrücken und Abdrücken
ihres Seins aussprechen wollten. Aus den wie immer lückenhaften Materialien
suchen wir sie, ihr Wollen und Tun, die Bedingungen ihres Wollens und die
Wirkungen ihres Handelns zu erkennen; wir suchen aus den einzelnen Äußerungen
und Formgebungen, die
— 27 —
wir noch fassen können, uns ihr Ich oder,
wo sie mit anderen und vielen gemeinsam gehandelt und geformt haben, dies
Gemeinsame, den Familiengeist, Volksgeist, Zeitgeist usw., dessen sie ein Teil
und Ausdruck sind, zu rekonstruieren und aus der so gewonnenen Erkenntnis die
zerbröckelte und verwischte Peripherie ihres Gesamt-Seins zu ergänzen und so
weiterschreitend, soweit es möglich ist, ihre Stelle in der Gesamtbewegung der
Vergangenheiten des Menschengeschlechts zu erkennen, in dieser unermeßlichen
[epidosis eis auto], deren Summe
tatsächlich, wenn auch nur teilweise in bewußter Weise unsere Gegenwart und wir
selbst in ihr sind.
Es gilt also
nicht die Vergangenheiten weder objektiv noch in der vollständigen Breite ihrer
einstigen Gegenwart festzustellen — das wäre ein Nonsens wie die Quadratur des
Zirkels finden wollen —sondern unsere zunächst enge, stückweise, unklare
Vorstellung von den Vergangenheiten, unser Verständnis derselben zu erweitern,
zu ergänzen, zu berichtigen, nach immer neuen Gesichtspunkten zu entwickeln
und zu steigern; — nicht Bilder aus der Vergangenheit oder Abbilder dessen, was
längst dahin ist, aufstellen zu wollen — die Poeten und Romanschreiber mögen
sich und andere mit solchen Phantasmen unterhalten —‚ sondern unsere
Gedankenwelt zu bereichern und zu steigern mit der begründeten Erkenntnis der
Kontinuität der menschlichen sittlichen Entwicklung, in der wir jetzt Lebenden
für den Augenblick an der Reihe sind, sie aufzunehmen und an unserem Teil mit
Verständnis ihres Zusammenhangs weiterzuführen.
Und damit
erledigt sich die andere Frage, ob unser geschichtliches Forschen und Erkennen
eine Wissenschaft ist und sein kann.
Die Empirie von
dem, was in der Zeit geschieht und im Raum ist, gibt uns nur Tatsächliches und
Einzelnes. Wenn Wissenschaft sein soll, so muß zu dem Einzelnen, das die
Empirie gibt, ein Allgemeines hinzukommen, woraus sich erklärt, was ist und
geschieht, warum es ist und geschieht, — ein Allgemeines und Notwendiges,
welches nicht in der Form der Anschauungen, sondern durch den Gedanken erkannt
wird. Das Wesen der Wissenschaft ist, daß sie Wahrheit sucht und gewinnt. Und,
wie früher gesagt, ein Sein, auf das sich unser Gedanke richtet, heißt uns
wahr, wenn es mit dem Gedanken übereinstimmt, und wahr heißt uns der Gedanke,
welcher ein Sein faßt und darstellt, wie es in seinem Wesen ist. Die Wahrheit
des Seins hat an dem Gedanken, die Wahrheit des Gedankens an dem Sein ihre
Kontrolle.
Die Empirie,
welche sich mit der Natur beschäftigt, erkennt, die natürlichen Tatsachen
beobachtend, in ihnen das sich in gleicher Weise Wiederholende, die Regel
dieser Wiederholung und im glücklichen
— 28 —
Fall das Gesetz, das das stoffliche Sein nach ZaIhl und Maß, in mechanischen,
physikalischen, chemischen Notwendigkeiten bestimmt. Das Allgemeine und
Notwendige, das das Sein und den Wechsel in der Natur bestimmt, ist dieser
gefundene Gedanke, der das Allgemeine und Notwendige in den beobachteten
Gegebenheiten ausspricht.
Die geschichtliche Empirie wendet sich auf die Gegebenheiten der menschlichen, d. h. sittlichen Welt. Wo finden wir nun da das Notwendige und Allgemeine, in dem wir die Einzelheiten wissenschaftlich zusammenfassen müssen?
Es ist dies eine
Frage, welche einen besonders wichtigen Punkt trifft. Alles in dem Bereich der
sittlichen Welt geschieht in der Gegenwart und in der lebendigen
Gegenseitigkeit und Konkurrenz der Menschen; alles, was sie tun, ist von
momentanen, persönlichen, rivalisierenden Interessen bestimmt, und die
Willensakte, die da wirken, haben darin ihren Impuls, ihr Maß und ihre
Schranke. Man darf sagen, jede Gegenwart verläuft in dem Gedränge von endlosen
Geschäften und jedes derselben bedingt andere und wird von ihnen bedingt. Wie
wird nun aus den Geschäften Geschichte?
Das Notwendige
und Allgemeine in der lebendig praktischen Bewegung der Gegenwart, also in der
Geschichte, ist mannigfacher Art. Da sind Gesetz, Recht und Verfassung, da sind
die großen Notwendigkeiten und Normen der Wirtschaft, des Kirchenwesens, der
Politik, des Kriegswesens, die der amtlichen Verantwortlichkeit, der
künstlerischen Produktion usw. Für alle diese Dinge gibt es Wissenschaften,
die sie behandeln und begründen, Wissenschaften, die dann oft ein und dieselbe
Sache unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten behandeln, und zwar so
behandeln, wie es die lebendige, praktische Bewegung der Gegenwart, die
juristische, politische, kirchliche, militärische Betrachtung der Sache
fordert und ergibt; sie haben mit dem Seienden, mit den Tatsachen des
wirklichen Lebens zu tun, dieselben nach den wirkenden oder bedingenden
Momenten und Gesetzen zu fassen.
Aber unter den
bedingenden Momenten für das in der Gegenwart praktisch Vorhandene ist auch das
Gewordensein dieses Einzelnen, dieses Zustandes, dieser Zusammenhänge, ist
dessen Vorgeschichte; und das, was gestern noch Gegenwart war, ist heut schon
zu der Vorgeschichte des Heut gehörig. Daher ist es unzweifelhaft sehr
wichtig, die menschlichen Geschäfte auch nach den Vorbedingungen ihres Wirkens
heute und jetzt, nach ihrem Gewordensein zu betrachten und in den Geschäften
der Gegenwart nur die letzten Spitzen, das zutage Stehende der Vergangenheit zu
sehen.
— 29 —
Das Notwendige und Allgemeine für diese
Betrachtungsweise ist besonderer Art, eben weil sie nicht die unendlich bewegte
Oberfläche der geschäftlichen und geschäftigen Gegenwart auffaßt, sondern sie
nach einer anderen Dimension hin versetzt, sie gleichsam vertieft. Und die
geschichtliche Betrachtungsweise ist unersättlich, das Gewordensein der
Gegenwart tief und tiefer hinab zu verfolgen und so das Fortschreiten, das
Sichsteigern, die [epidosis eis auto] zu konstatieren, die wir als das
Charakteristische der menschlichen, d. h. der sittlichen Welt gefunden haben.
Wie oberflächlich wären wir, wenn wir nur die Gegenwart und ihre Geschäfte
kennten! Diese Gegenwart, wie sie denn ist, und so jede frühere, hat sich erst
in der Kontinuität eines langen Werdens entwickelt, sich fort und fort
steigernd, erweiternd, höher emporbauend. Sie ist von dem Menschengeschlecht
Generation auf Generation erarbeitet worden, und es wird rastlos an ihr
weitergearbeitet, nach immer neuen Seiten, mit neuen gesteigerten Kräften, für
immer größere Aufgaben, und es scheinen den Möglichkeiten nach und
latenterweise noch ungemessene weitere Steigerungen in der einmal erwachten
und sich steigernden Menschennatur zu liegen, oder wie das Dichterwort sagt:
„Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
Wir erschaffen seine Welt“.
Diese Kontinuität
der fortschreitenden geschichtlichen Arbeit und Schaffung ist das Allgemeine
und Notwendige, welches die einzelnen Tatsachen der Geschichte verbindet und
jeder in ihrer individuellen Art ihren Wert gibt, nur denen, die individueller
Art sind, einen Wert gibt. Diese Kontinuität ist nicht Entwicklung, denn da
wäre die ganze Folgereihe schon keimhaft in den ersten Anfängen präformiert,
sondern mit der Arbeit erst wachsen die Kräfte, und mit jeder gelösten neuen
Aufgabe gewinnen wir dem Sein in der Natur, das anfangs unser Geschlecht
beherrscht und eingeengt hat, neue Bereiche ab, zwingen es, unseren Zwecken
dienstbar zu sein, für sie nach unserer Weisung zu arbeiten.
In dieser
Kontinuität und Steigerung hat die geschichtliche Welt ihren Gedanken und ihre
Wahrheit, und unsere Empirie arbeitet, die Einzelheiten der Vergangenheit,
soweit sie irgend noch empirisch zu erfassen sind, zu erforschen, um in ihnen
mehr und mehr diese Kontinuität empirisch zu bestätigen und die einzelnen
Glieder in der Kette dieses Fortschreitens nachzuweisen, und zwar in allen Richtungen
des geistig-sinnlichen Wesens der Menschennatur, in der Ernährung wie in den
Erkenntnissen, in der Sprache wie in der Sitte, in den Künsten, der Industrie,
dem Handel, in Kriegführung wie in
— 30 —
den sozialen und politischen Verhältnissen, in allem, was in seiner
Gegenwart als Geschäft galt und verlief.
Jedes Stückchen
Material, das unserer historischen Enipirie sich darbietet, erforschen wir, um
zu sehen, ob und wie es in diese Kontinuität der geschichtlichen Arbeit
eingreift, deren Wahrheit uns feststeht, da wir selbst, unser Volk, unsere
Bildung, unsere Zustände deren Summe, deren summiertes Ergebnis sind. In
diesem Gedanken der geschichtlichen Arbeit haben die Vergangenheiten ihre
Wahrheit, und diese Vergangenheiten, soweit wir sie erforschen können,
bestätigen uns die Wahrheit dieses Gedankens. Und indem unsere Gegenwart, wie
jede Gegenwart vor uns, von den summierten Ergebnissen des Früheren aus, die
ihren Inhalt bilden, weiterstrebte, mit dem Wollen, das ihr Tun bestimmte, in
die nächstweitere Zukunft hinausgriff, um ihren Willen verwirklicht zu sehen,
bewährt sich, daß der Gedanke der fortschreitenden Kontinuität, wie er bisher
gegolten, so auch des weiteren der rechte Pulsschlag des sittlichen, d. h. geschichtlichen
Lebens ist.
Von welcher Art
diese Kontinuität des Fortschreitens ist, wie sie Völker verbraucht und frische
Träger für ihre Arbeit hervortreten, davon wird in späterem Zusammenhang die
Rede sein.
S. 325—331:
— 317 —
—
325 —
1 Die Geschichte1)
§1
Natur und
Geschichte sind die weitesten Begriffe, unter denen der menschliche Geist die
Welt der Erscheinungen faßt.
—326 —
Und er faßt sie so
den Anschauungen Raum und Zeit gemäß, die sich ihm ergeben, wenn er sich die
ratlose Bewegung der wechselnden Erscheinungen nach seiner Art zerlegt, um sie
zu erfassen1).
Nicht
objektiv scheiden sich die Erscheinungen nach Raum und Zeit; unsere Auffassung
unterscheidet sie so, je nachdem die Erscheinungen sich mehr dem Raum, mehr
der Zeit nach zu verhalten scheinen.
Bestimmtheit
und Inhalt gewinnen die Begriffe Raum und Zeit in dem Maße, als das
Nebeneinander des Seienden, das Nacheinander des Gewordenen wahrgenommen,
erkannt, erforscht wird.
§2
Die
rastlose Bewegung in der Welt der Erscheinungen läßt uns die Dinge als in
stetem Werden auffassen, mag das Werden der einen sich periodisch zu
wiederholen, das der anderen sich in der Wiederholung steigernd und summierend
rastlos zu wachsen scheinen […], Arist.
De anim. II, S. 7).
In
denjenigen Erscheinungen, in welchen sich uns ein solches Fortschreiten zeigt,
gilt uns das Nacheinander, das Moment der Zeit als das maßgebende. Sie fassen
wir auf und zusammen als Geschichte.
§3
[8]
Dem menschlichen Auge erscheint nur das Menschliche in stets fortschreitender
Steigerung, und diese stets fortschreitende Steigerung als dessen Wesen und
Aufgabe).
Die
Summierung dieser rastlosen Steigerung3) ist die sittliche Welt. Nur
auf diese findet der Ausdruck Geschichte seine volle Anwendung‘).
§4
Die
Wissenschaft der Geschichte ist das Ergebnis5) empirischen
Wahrnehmens, Erfahrens und Forschens […].
Alle
Empirie beruht auf der „spezifischen Energie“ der Sinnes—nerven, durch deren
Erregung der Geist nicht „Abbilder“, aber Zeichen von den Dingen draußen, die
diese Erregung hervorgebracht haben, empfängt. Er entwickelt sich so Systeme
von Zeichen, in denen ihm sich die Dinge draußen entsprechend darstellen, —
eine Welt von Vorstellungen, in denen er, fort und fort sie in neuen
— 327
—
Wahrnehmungen
berichtigend, erweiternd, steigernd, die Welt draußen hat, soweit er sie haben
kann, sie haben muß, um sie zu fassen und wissend, wollend, formend zu
beherrschen1).
§5
Alle
empirische Forschung regelt2) sich nach den Gegebenheiten, auf die
sie gerichtet ist. Und sie kann sich nur auf solche richten, die ihr
unmittelbar3) zu sinnlicher Wahrnehmbarkeit gegenwärtig sind.
Das
Gegebene für die historische Forschung sind nicht die Vergangenheiten, denn
diese sind vergangen, sondern das von ihnen in dem Jetzt und Hier noch
Unvergangene, mögen es Erinnerungen von dem, was war und geschah oder Überreste
des Gewesenen und Geschehenen sein.
§6
Jeder
Punkt in dieser‘) Gegenwart ist ein gewordener. Was er war und wie er wurde,
ist vergangen; aber seine Vergangenheit ist ideell in ihm.
Aber
nur ideell, erloschene Züge, latente Scheine; ungewußt sind sie, als wären sie
nicht da.
[9]
Der forschende Blick, der Blick der Forschung vermag sie zu erwecken, wieder
aufleben, in das leere Dunkel der Vergangenheit zurückleuchten zu lassen.
Nicht
die Vergangenheiten werden hell — sie sind nicht mehr ~ sondern was in dem
Jetzt und Hier‘) von ihnen noch unvergangen ist. Diese erweckten Scheine sind
uns statt der Vergangenheiten7), sind die geistige Gegenwart der
Vergangenheiten8).
Der
endliche Geist hat nur das Jetzt und Hier. Aber diese dürftige Enge seines
Seins erweitert er sich vorwärts mit seinem Wollen und seinen Hoffnungen9),
rückwärts mit der Fülle seiner Erinnerungen. So ideell die Zukunft und die
Vergangenheit in sich zusammenschließend, hat er ein Analogon der Ewigkeit.
Er
umleuchtet seine Gegenwart mit dem Schauen und Wissen der Vergangenheiten, die
kein Sein und keine Dauer haben10) außer in ihm11) und
durch ihn. Die Erinnerung schafft ihm die Formen
— 328
—
und die Stoffe
seiner eigensten) Welt ([…] Aeschyl. Prom. 470).
§7
Nur
was Menschengeist und Menschenhand gestaltet, geprägt, berührt hat, nur die
Menschenspur leuchtet uns wieder auf.
Prägend,
formend, ordnend, in jeder Äußerung gibt der Mensch einen Ausdruck seines
individuellen Wesens, seines Ich. Was von solchen Ausdrücken und Abdrücken uns
noch irgendwie, irgendwo vorhanden ist, spricht zu uns, ist uns verständlich.
§8 [M6]
Die
Methode der historischen Forschung ist bestimmt durch den morphologischen
Charakter ihres Materials.
Das
Wesen der historischen Methode ist forschend zu verstehen.
§ 9 [M 7]
Die
Möglichkeit des Verstehens2) besteht3) in der uns kongenialen
Art der Äußerungen, die als historisches Material vorliegen.
[10]
Sie ist dadurch bedingt, daß die sinnlich geistige‘) Natur des Menschen jeden
inneren Vorgang zu8) sinnlicher Wahrnehmbarkeit äußert, in jeder
Äußerung innere Vorgänge) spiegelt. Wahrgenommen erregt die Äußerung, sich in
das Innere des Wahrnehmenden projizierend7), den gleichen inneren
Vorgang. Den Schrei der Angst vernehmend, empfinden wir die Angst des
Schreienden usw.8).
Das
Tier, die Pflanze, die Dinge der unorganischen Welt verstehen wir nur zum
Teil, nur in gewisser Weise, nach gewissen Beziehungen, solchen, in denen sie
uns Kategorien unseres Denkens zu entsprechen scheinen. Sie haben uns kein
individuelles, wenigstens kein persönliches Sein. Indem wir sie nur nach jenen
Beziehungen verstehen und fassen9), sind wir unbedenklich, sie in
ihrem individuellen Sein zu negieren, sie zu zerlegen, zu zerstören, sie zu
brauchen und zu verbrauchen.
— 329
—
Den
Menschen, menschlichen Äußerungen und Gestaltungen gegenüber sind wir und
fühlen wir uns in wesentlicher Gleichartigkeit und Gegenseitigkeit, jedes Ich
geschlossen in sich, jedes jedem anderen in seinen Äußerungen sich
erschließend.
§ 10 [M8]
Die
einzelne Äußerung wird verstanden als eine Äußerung des Innern im Rückschluß2)
auf dies Innere; dies Innere wird verstanden in dem Beispiel dieser Äußerung,
als eine zentrale Kraft, die, in sich eins und gleich3), wie in
jeder ihrer peripherischen Wirkungen und Äußerungen‘), so in dieser sich
darstellt.
Das
einzelne wird verstanden in dem Ganzen, und das Ganze aus dem einzelnen.
Der
Verstehende, weil er ein Ich, eine Totalität in sich ist wie der, den er zu
verstehen hat, ergänzt sich dessen Totalität aus der einzelnen Äußerung und die
einzelne Äußerung aus dessen Totalität.
Das
Verstehen ist ebenso synthetisch wie analytisch, ebenso Induktion wie Deduktion5).
§ 11
Von
dem logischen Mechanismus des Verstehens unterscheidet sich der Akt des
Verständnisses. Dieser erfolgt unter den dar[n]gelegten Bedingungen als
unmittelbare Intuition, als tauche sich Seele in Seele, schöpferisch wie das
Empfängnis in der Begattung7).
§ 12 [M 9]
Der
Mensch wird, was er seiner Anlage nach ist, Totalität in sich, erst in dem
Verstehen anderer, in dem Verstandenwerden von anderen, in den sittlichen
Gemeinsamkeiten (Familie, Volk, Staat, Religion8) usw.).
Der
Einzelne wird nur relativ Totalität; verstehend und verstanden ist er nur wie
ein Beispiel und‘) Ausdruck der Gemeinsamkeiten10), deren Glied er
ist und an deren Wesen und Werden er Teil hat, er selbst nur wie ein Ausdruck
dieses Wesens und Werdens11).
—
330 —
Die
Gesamtheit der Zeiten, Völker, Staaten, Religionen1) usw. ist nur
wie Ein Ausdruck der absoluten Totalität, die wir ahnen und glauben, die sich
uns ergibt aus dem cogito ergo sum, der Gewißheit unseres Ichseins, der uns
gewissesten Tatsache2)3).
§ 13 [M 10]
Die falsche Alternative der materialistischen und
idealistischen Weltanschauung versöhnt sich in der historischen, der
Anschauung, auf die uns die sittliche Welt führt; denn das Wesen der sittlichen
Welt ist, dass sich in ihr in jedem Augenblick jener Gegensatz versöhnt, um
sich zu erneuern, sich erneut, um sich zu versöhnen5).
§ 14
Nach den Objekten und nach der Natur des
menschlichen Denkens7) sind die drei möglichen wissenschaftlichen
Methoden: die (philosophisch oder theologisch) spekulative, die physikalische8),
die historische.
Ihr Wesen ist: zu erkennen, zu
erklären, zu verstehen.
Daher9) der alte Kanon der
Wissenschaften: Logik, Physik, Ethik; nicht drei Wege zu einem Ziel, sondern
die drei Seiten eines Prisma, wenn das menschliche Auge das ewige Licht, dessen
Glanz es nicht zu ertragen vermöchte‘0), im Farbenwiederschein ahnen
will.
§ 15 [M 11]
Die sittliche Welt, rastlos von vielen
Zwecken und schließlich, so ahnen und glauben wir“), von dem Zweck der Zwecke
bewegt, [12] ist eine rastlos werdende und sich in sich steigernde‘2)
(ad ora ad ora come l‘uom s‘eterna. Dante Inf. XV, 84).
In dem Nacheinander dieser ihrer
Bewegungen betrachtet, ist sie uns die Geschichte‘3). Mit jedem
Schritt weiter in diesem Werden und Wachsen erweitert und vertieft sich das
Verständnis der Geschichte‘), d. h. ihr Verstandenwerden und ihr Verstehen;
das Wissen von ihr ist sie selbst2); sie hat rastlos weiter3)
arbeitend ihre Forschungen4) zu vertiefen, ihren Gesichtskreis zu
erweitern.
Die geschichtlichen Dinge haben ihre
Wahrheit in den sittlichen Mächten5) (wie die natürlichen in den
mechanischen, physikalischen, chemischen6) usw. „Gesetzen“); sie
sind deren jeweilige Verwirklichung.
Historisch Denken heißt in diesen
Wirklichkeiten ihre Wahrheit sehen7).
-331-
§ 16 [M 12]
Die Historik ist nicht eine Enzyklopädie
der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der
Geschichte, noch8) eine Physik der geschichtlichen Welt, am
wenigsten eine Poetik für die Geschichtschreibung.
Sie muß sich die Aufgabe stellen, ein
Organon des historischen Denkens und Forschens zu sem.
§ 17 [M 13]
Die Geschichte dieser Aufgabe von
Thukydides und Polybios bis Jean Bodin und Lessing.
Der Kern der Frage in W. v. Humboldts
Einleitung zur „Kawisprache“.
Die Historik von Gervinus, Comtes
„Philosophie positive“, Schäffles „Bau und Leben des sozialen Körpers“ usw.
§ 18 [M 14]
Die
Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des
historisch Erforschbaren, die Topik der Darlegungen des historisch Erforschten.