Aus: Dilthey, W.,
Die Entstehung der Hermeneutik [1900], in: Reiß, G. (Hg.), Materialien zur
Ideologiegeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1, Tübingen 1973,
S. 55-68¸ übernommen von
http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/wolff/einfuehrung/dilthey.htm
Ich habe in einer früheren Abhandlung die
Darstellung der Individuation in der Menschenwelt besprochen, wie von der
Kunst, insbesondere der Poesie, geschaffen wird. Nun tritt uns die Frage nach
der wissenschaftlichen Erkenntnis der Einzelpersonen, ja der großen
Formen singulären menschlichen Daseins überhaupt entgegen. Ist Erkenntnis
möglich und welche Mittel haben wir, sie zu erreichen?
Eine Frage von der größten Bedeutung.
Unser Handeln setzt das Verstehen anderer Personen überall voraus; ein großer
Teil menschlichen Glückes entspringt aus dem Nachfühlen fremder Seelenzustände;
die ganze philologische und geschichtliche Wissenschaft ist auf die
Voraussetzung gegründet, daß dies Nachverständnis des Singulären zur
Objektivität erhoben werden könne. Das hierauf gebaute historische Bewußtsein
ermöglicht dem modernen Menschen, die ganze Vergangenheit der Menschheit in
sich gegenwärtig zu haben: über alle Schranken der eigenen Zeit blickt er
hinaus in die vergangenen Kulturen; deren Kraft nimmt er in sich auf und
genießt ihren Zauber nach: ein großer Zuwachs von Glück entspringt ihm hieraus.
Und wenn die systematischen Geisteswissenschaften aus dieser objektiven Auffassung
des Singulären allgemeine gesetzlich Verhältnisse und umfassende Zusammenhänge
ableiten, so bleiben doch die Vorgänge von Verständnis und Auslegung auch für
sie die Grundlage. Daher sind diese Wissenschaften so gut wie die Geschichte in
ihrer Sicherheit davon abhängig, ob das Verständnis der Singulären zur Allgemeingültigkeit
erhoben werden kann. So tritt uns an der Pforte der Geisteswissenschaften ein
Problem entgegen, das ihnen im Unterschiede von allem Naturerkennen eigen ist.
Wohl haben die Geisteswissenschaften vor
allem Naturerkennen voraus, daß ihr Gegenstand nicht in den Sinnen gegebene
Erscheinung, bloßer Reflex eines Wirklichen in einem Bewußtsein, sondern
unmittelbare innere Wirklichkeit selber ist, und zwar diese als ein von innen
erlebter Zusammenhang. Doch schon aus der Art, wie in der inneren Erfahrung
diese Wirklichkeit gegeben ist, entspringen für deren objektive Auffassung
große Schwierigkeiten. Sie sollen hier nicht erörtert werden. Ferner kann die
innere Erfahrung, in welcher ich meiner eignen Zustände inne werde, mir doch
für sich nie meine eigne Individualität zum Bewußtsein bringen. Erst in der
Vergleichung meiner selbst mit anderen mache ich die Erfahrung des
Individuellen in mir; nun wird mir erst das von anderen Abweichende in meinem
eigenen Dasein bewußt, und Goethe hat nur allzu recht, daß uns diese wichtigste
unter allen unseren Erfahrungen sehr schwer wird und unsere Einsicht über Maß,
Natur und Grenzen unserer Kräfte immer nur sehr unvollkommen bleibt. Fremdes
Dasein aber ist uns zunächst nur in Sinnentatsachen, in Gebärden, Lauten und
Handlungen von außen gegeben. Erst durch einen Vorgang der Nachbildung dessen,
was so in einzelnen Zeichen in die Sinne fällt, ergänzen wir dies Innere.
Alles: Stoff, Struktur, individuellste Züge dieser Ergänzung müssen wir aus der
eignen Lebendigkeit übertragen. Wie kann nun ein individuell gestaltetes
Bewußtsein durch solche Nachbildung eine fremde und ganz anders geartete
Individualität zu objektiver Erkenntnis bringen? Was ist das für ein Vorgang,
der scheinbar so fremdartig zwischen andere Prozesse der Erkenntnis tritt?
Wir nennen den Vorgang, in welchem wir
aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen: Verstehen.
Das ist der Sprachgebrauch; und eine feste psychologische Terminologie, deren
wir so sehr bedürfen, kann nur zustandekommen, wenn jeder schon fest geprägte,
klar und brauchbar umgrenzte Ausdruck von allen Schriftstellern gleichmäßig
festgehalten wird. Verstehen der Natur - interpretatio naturae- ist ein bildlicher
Ausdruck. Aber auch das Auffassen eigner Zustände bezeichnen wir nur im
uneigentlichen Sinne als Verstehen. Wohl sage ich: ich verstehe nicht, wie ich
so handeln konnte, ja ich verstehe mich selbst nicht mehr. Damit will ich aber
nur sagen, daß eine Äußerung meines Wesens, die in die Sinnenwelt getreten ist,
mir wie die eines Fremden gegenübertritt und daß ich sie als eine solche nicht
zu interpretieren vermag, oder in dem anderen Falle daß ich in einen Zustand
geraten bin, den ich anstarre wie einen fremden. Sonach nennen wir Verstehen
den Vorgang, in welchem wir aus sinnlich gegebenen Zeichen ein Psychisches,
dessen Äußerung sie sind, erkennen.
Dies Verstehen reicht von dem Auffassen
kindlichen Lallens bis zu dem des Hamlet oder Vernunftkritik. Aus Steinen,
Marmor, musikalisch geformten Tönen, aus Gebärden, Worten und Schrift, aus
Handlungen, wirtschaftlichen Ordnungen und Verfassungen spricht derselbe
menschliche Geist zu uns und bedarf der Auslegung. Und zwar muß der Vorgang des
Verstehens überall, sofern er durch die gemeinsamen Bindungen und Mittel dieser
Erkenntnisart bestimmt ist, gemeinsame Merkmale haben. Er ist in diesen
Grundzügen derselbe. Will ich etwa Lionardo verstehen, so wirkt hierbei die
Interpretation von Handlungen, Gemälden, Bildern und Schriftwerken zusammen,
und zwar in einem homogenen einheitlichen Vorgang.
Das Verstehen zeigt verschiedene Grade.
Diese sind zunächst vom Interesse bedingt. Ist das Interesse eingeschränkt, so
ist es auch das Verständnis. Wie ungeduldig hören wir mancher
Auseinandersetzung zu; wir stellen nur einen uns praktisch wichtigen Punkt aus
ihr fest, ohne am Innenleben des Redenden ein Interesse zu haben. Wogegen wir
in anderen Fällen durch jede Miene, jedes Wort angestrengt in das Innere eines
Redenden zu dringen streben. Aber auch angestrengteste Aufmerksamkeit kann nur
dann zu einem kunstmäßigen Vorgang werden, in welchem ein kontrollierbarer Grad
von Objektivität erreicht wird, wenn die Lebensäußerung fixiert ist und wir so
immer wieder zu ihr zurückkehren können. Solches kunstmäßige Verstehen von
dauernd fixierten Lebensäußerungen nennen wir Auslegung oder Interpretation.
In diesem Sinne gibt es auch eine Auslegungskunst, deren Gegenstände Skulpturen
oder Gemälde sind, und schon Friedrich August Wolf hatte eine archäologische
Hermeneutik und Kritik gefordert. Welcker ist für sie eingetreten, und Preller
sucht sie durchzuführen. Doch hebt Preller schon hervor, daß solche
Interpretation stummer Werke überall auf die Erklärung aus der Literatur
angewiesen ist.
Darin liegt nun die unermeßliche
Bedeutung der Literatur für unser Verständnis des geistigen Lebens und der
Geschichte, daß in der Sprache allein das menschlich Innere seinen
vollständigen, erschöpfenden und objektiv verständlichen Ausdruck findet. Daher
hat die Kunst der Verstehens ihren Mittelpunkt in der Auslegung oder Interpretation
der in der Schrift enthaltenen Reste menschlichen Daseins.
Die Auslegung und die mit ihr untrennbar
verbundene kritische Behandlung dieser Reste war demnach der Ausgangspunkt der Philologie.
Diese ist nach ihrem Kern die persönliche Kunst und Virtuosität in solcher
Behandlung des schriftlich Erhaltenen, und nur im Zusammenhang mit dieser
Kunst und ihren Ergebnissen kann jede andere Interpretation von Denkmalen oder
geschichtlich überlieferten Handlungen gedeihen. Über die Beweggründe der
handelnden Personen in der Geschichte können wir uns irren, die handelnden
Personen selber könne ein täuschendes Licht über sie verbreiten. Aber das Werk
eines großen Dichters oder Entdeckers, eines religiösen Genius oder eines
echten Philosophen kann immer nur der wahre Ausdruck seines Seelenlebens sein;
in dieser von Lüge erfüllten menschlichen Gesellschaft ist ein solches Werk
immer wahr, und es ist im Unterschied von jeder anderen Äußerung in fixierten
Zeichen für sich einer vollständigen und objektiven Interpretation fähig, ja es
wirft sein Licht erst auf andere künstlerische Denkmale einer Zeit und auf die
geschichtlichen Handlungen der Zeitgenossen.
Diese Kunst der Interpretation hat sich
nun ganz so allmählich, gesetzmäßig und langsam entwickelt, als etwa die der
Befragung der Natur im Experiment. Sie entstand und erhält sich in der
persönlichen genialen Virtuosität des Philologen. So wird sie auch naturgemäß
vorwiegend in persönlicher Berührung mit dem großen Virtuosen der Auslegung
oder seinem Werk auf andere übertragen. Zugleich aber verfährt jede Kunst nach Regeln.
Diese lehren Schwierigkeiten überwinden. Sie überliefern den Ertrag
persönlicher Kunst. Daher bildet sich früh aus der Kunst der Auslegung die Darstellung
ihrer Regeln. Und aus dem Widerstreit dieser Regeln, aus dem Kampf
verschiedener Richtungen über die Auslegung lebenswichtiger Werke und dem so
bedingten Bedürfnis, die Regeln zu begründen, entstand die hermeneutische Wissenschaft.
Sie ist die Kunstlehre der Auslegung von Schriftdenkmalen.
Indem diese die Möglichkeit
allgemeingütiger Auslegung aus der Analyse des Verstehens bestimmt, dringt sie
schließlich zur Auflösung des ganz allgemein Problems vor, mit dem diese
Erörterung anhob; neben die Analyse der inneren Erfahrung tritt die des
Verstehens, und beide zusammen geben für die Geisteswissenschaften den Nachweis
von Möglichkeit und Grenzen allgemeingültiger Erkenntnis in
ihnen, sofern diese durch die Art bedingt sind, in welcher uns psychische
Tatsachen ursprünglich gegeben sind. [...]
Zusätze aus den Handschriften
I.
Verstehen fällt unter den
Allgemeinbegriff des Erkennens, wobei Erkennen im weitesten Sinne als Vorgang
gefaßt wird, in welchem ein allgemeingültiges Wissen angestrebt wird.
(Satz 1) Verstehen nennen wir den
Vorgang, in welchem aus sinnlich gegebenen Äußerungen seelischen Lebens dieses
zur Erkenntnis kommt.
(Satz 2) So verschieden auch die
sinnlich auffaßbaren Äußerungen seelischen Lebens sein mögen, so muß das
Verstehen derselben durch die angegebenen Bedingungen dieser Erkenntnisart
gegebene gemeinsame Merkmale haben.
(Satz 3) Das kunstmäßige Verstehen von
schriftlich fixierten Lebensäußerungen nennen wir Auslegung, Interpretation.
Die Auslegung ist ein Werk der
persönlichen Kunst, und ihre vollkommenste Handhabung ist durch die Genialität
des Auslegers bedingt; und zwar beruht sie auf Verwandtschaft,
gesteigert durch eingehendes Leben mit dem Autor, best<ändiges> Studium.
So Winckelmann mittels Plato (Justi), Schleiermachers Plato usw. Herauf beruht
das Divinatorische der Auslegung.
Diese Auslegung ist nun nach ihrer
angegebenen Schwierigkeit und Bedeutung der Gegenstand unermeßlicher Arbeit des
Menschengeschlechts. Die ganze Philologie und Geschichte arbeitet zunächst um
usw. Es ist nicht leicht, sich eine Vorstellung von der unermeßlichen Anhäufung
von gelehrter Arbeit zu machen, die darauf verwandt worden ist. Und zwar
wächst die Kraft dieses Verstehens im Menschengeschlecht gerade so
allmählich, gesetzmäßig, langsam und schwer, wie die Kraft, die Natur zu
erkenne und zu beherrschen.
Aber eben weil diese Genialität so selten
ist, Auslegung selber aber auch von minder Begabten geübt und gelernt sein muß:
ist notwendig.
(Satz 4 a) daß die Kunst des genialen
Interpreten in den Regeln festgehalten wird wie sie in ihrer Methode enthalten
sind oder auch wie sie diese sich selber zum Bewußtsein gebracht haben.
Denn jede menschliche Kunst verfeinert
und erhöht sich in ihrer Handhabung, wenn es gelingt, das Lebensresultat dieses
Künstlers in irgendeiner Form den Nachfolgenden zu überliefern. Mittel, das
Verstehen kunstmäßig zu gestalten, entstehen nur, wo die Sprache eine feste
Grundlage gewährt und große, dauernd wertvolle Schöpfungen vorliegen, welche
durch verschiedene Interpretation Streit hervorrufen: da muß der Widerstreit
zwischen genialen Künstlern der Auslegung durch allgemeingültige Regeln
Auflösung suchen. Gewiß ist das am meisten für die eigene Auslegungskunst
Anregende die Berührung mit dem genialen Ausleger oder seinem Werk. Aber die
Kürze des Lebens fordert eine Abkürzung des Wegs durch die Festlegung
gefundener Methoden und der in ihnen geübten Regeln. Diese Kunstlehre des
Verstehens schriftlich fixierter Lebensäußerungen nennen wir Hermeneutik
(Satz 4 b).
So kann das Wesen der Hermeneutik
bestimmt und ihr Betrieb in einem gewissen Umfang gerechtfertigt werden. Wenn
sie nun doch nicht den Grad von Interesse heute zu erregen scheint, der ihr von
seiten der Vertreter dieser Kunstlehre gewünscht wird, so scheint mir das daran
zu liegen, daß Probleme nicht in ihren Betrieb aufgenommen hat, welche aus der
heutigen wissenschaftlichen Lage entspringen und ihr einen hohen Grad von
Interesse zuzuführen geeignet sind. Diese Wissenschaft {Hermeneutik} hat ein
sonderbares Schicksal gehabt. Sie verschafft sich immer nur Beachtung unter
einer großen geschichtlichen Bewegung, welche solches Verständnis des
singularen geschichtlichen Daseins zu einer dringenden Angelegenheit der
Wissenschaft macht, um dann wieder im Dunkel zu verschwinden. So geschah es
zuerst, als die Auslegung der heiligen Schrift des Christentums dem
Protestantismus eine Lebensfrage war. Dann im Zusammenhang der Entwicklung des
geschichtlichen Bewußtseins in unserem Jahrhundert wird sie von Schleiermacher und
Böckh eine Zeit hindurch neubelebt, und ich habe noch eine Zeit erlebt, in
welcher Böckhs Enzyklopädie, welche ganz von diesen Problemen getragen war, als
notwendiger Eingang in das Allerheiligste der Philologie galt. Wenn nun schon
Fr. Aug. Wolf sich abschätzig über den Wert der Hermeneutik für die Philologie
aussprach und wenn auch tatsächlich seitdem diese Wissenschaft nur spärliche
Fortbildner und Vertreter gefunden hat: so hat eben ihre damalige Form sich
ausgelebt. Aber in einer neuen und umfassenderen Form tritt uns das Problem,
das in ihre wirksam ist, heute wieder entgegen.
(Satz 5) Verstehen, in dem nun
anzugebenden weiten Umfang genommen, ist das grundlegende Verfahren für alle
weiteren Operationen der Geisteswissenschaften... Wie in den Naturwissenschaften
alle gesetzliche Erkenntnis nur möglich ist durch das Meßbare und Zählbare in
den Erfahrungen und in diesen enthaltenen Regeln, so ist in den
Geisteswissenschaften jeder abstrakte Satz schließlich nur zu rechtfertigen
durch seine Beziehung auf die seelische Lebendigkeit, wie sie im Erleben und
Verstehen gegeben ist.
Ist nun das Verstehen grundlegende für
die Geisteswissenschaften, so ist (Satz 6) die erkenntnistheoretische,
logische und methodische Analysis des Verstehens für die Grundlegung der
Geisteswissenschaften eine der Hauptaufgaben. Die Bedeutung dieser Aufgabe
tritt aber erst ganz hervor, wenn man die Schwierigkeiten, welche die Natur des
Verstehens in bezug auf die Ausübung einer allegemeingültigen Wissenschaft
enthält, sich zum Bewußtsein bringt.
Jeder ist in sein individuelles
Bewußtsein eingeschlossen gleichsam, dieses ist individuell und teilt allem
Auffassen seine Subjektivität mit. Schon der Sophist Gorgias hat das hier
liegende Problem so ausgedrückt: gäbe es auch ein Wissen, so könne der Wissende
es keinem andern mitteilen. Ihm freilich endigt mit dem Problem das Denken. Es
gilt, es aufzulösen. Die Möglichkeit, ein Fremdes aufzufassen, ist zunächst
eines der tiefsten erkenntnistheoretischen Probleme. Wie kann eine
Individualität eine ihr sinnlich gegebene fremde Lebensäußerung zu
allgemeingültigem objektivem Verständnis sich bringen? Die Bedingungen, an
welche diese Möglichkeit gebunden ist, liegt darin, daß in keiner fremden
individuellen Äußerung etwas auftreten kann, das nicht auch in der auffassenden
Lebendigkeit enthalten wäre. Dieselben Funktionen und Bestandteile sind in
allen Individualitäten, und nur durch die Grade ihrer Stärke unterscheiden sich
die Anlagen der verschiedenen Menschen. Dieselbe äußere Welt spiegelt sich in
ihren Vorstellungsbildern. In der Lebendigkeit muß also ein Vermögen enthalten
sein. Die Verbindung usw., Verstärken, Vermindern - Transposition ist
Transformation.
Zweite Aporie. Aus dem Einzelnen
das Ganze, aus dem Ganzen doch wieder das Einzelne. Und zwar das Ganze
eines Werkes fordert Fortgang zur Individualität (des Urhebers), zu Literatur,
mit der sie im Zusammenhang steht. Das vergleichende Verfahren läßt mich
schließlich erst jedes einzelne Werk, ja den einzelnen Satz tiefer verstehen,
als ich ihn vorher verstand. So aus dem Ganzen das Verständnis, während doch
das Ganze aus dem Einzelnen.
Dritte Aporie. Schon jeder
einzelne seelische Zustand wird von uns nur verstanden von den äußeren Reizen
aus, die ihn hervorriefen. Ich verstehe den Haß von dem schädliche Eingriff in
ein Leben. Ohne diesen Bezug wären Leidenschaften von mir gar nicht
vorstellbar. So ist das Milieu für das Verständnis unentbehrlich. Aufs höchste
getrieben, ist Verstehen so nicht vom Erklären unterschieden, sofern ein
solches auf diesem Gebiete möglich ist. Und das Erklären hat wieder die
Vollendung des Verstehens zu seiner Voraussetzung.
In all diese Fragen kommt zum Vorschein:
das erkenntnistheoretische Problem ist überall dasselbe:
allgemeingültiges Wissen aus Erfahrungen. Es tritt aber hier unter die
besonderen Bedingungen der Natur von Erfahrungen in den Geisteswissenschaften.
Diese sind: die Struktur als Zusammenhang ist im Seelenleben das Lebendige,
Bekannte, von welchem aus das Einzelne.
So steht an der Pforte der Geisteswissenschaften
als ein erkenntnistheoretisches Hauptproblem die Analysis der Verstehens. Indem
die Hermeneutik von diesem erkenntnistheoretischen Problem ausgeht und ihre
letztes Ziel in seiner Auflösung sich steckt, tritt sie zu den großen, die
heutige Wissenschaft bewegenden Fragen von der Konstitution und dem Rechtsgrund
der Geisteswissenschaften in ein inneres Verhältnis. Ihre Probleme und
Sätze werden lebendige Gegenwart.
Die Auflösung dieser
erkenntnistheoretischen Frage führt auf das logische Problem der
Hermeneutik.
Auch dieses ist natürlich überall
dasselbe. Es sind selbstverständlich (gegen meine Auffassung bei Wund)
dieselben elementaren logischen Operationen, die in den Geistes- und
Naturwissenschaften auftreten. Induktion, Analysis, Konstruktion, Vergleichung.
Aber darum handelt es sich nun, welche besondere Form sie innerhalb des
Erfahrungsgebiets der Geisteswissenschaften annehmen. Die Induktion, deren Data
die sinnlichen Vorgänge sind, vollzieht sich hier wie überall auf der Grundlage
eines Wissens von einem Zusammenhang. Dieser ist in den physikalisch-chemischen
Wissenschaften die mathematische Kenntnis quantitativer Verhältnisse, in den
biologischen Wissenschaften die Lebenszweckmäßigkeit, in den
Geisteswissenschaften die Struktur der seelischen Lebendigkeit. So ist diese
Grundlage nicht eine logische Abstraktion, sondern ein realer, im Leben
gegebener Zusammenhang; dieser ist aber individuell, sonach subjektiv.
Hierdurch ist Aufgabe und Form dieser Induktion bestimmt. Eine nähere Gestalt
empfangen dann ihre logischen Operationen durch die Natur ihres sprachlichen
Ausdrucks. So spezifiziert sich auf dem engeren sprachlichen Gebiet die Theorie
dieser Induktion durch die Theorie der Sprache: die Grammatik. Besondere Natur
der Bestimmung von dem (aus Grammatik) bekannten Zusammenhang, von in
bestimmten Grenzen unbestimmten (variablen) Wortbedeutungen und syntaktischen
Formelelementen aus. Ergänzung dieser Induktion auf das Verständnis der
Singularen als eines Ganzen (Zusammenhangs) durch die vergleichende Methode,
welche das Singulare bestimmt und durch die Verhältnisse zu dem anderen
Singularen seine Auffassung objektiver macht.
Ausbildung des Begriffs derinneren
Form. Aber (Vordringen) zur Realität notwendig = die innere Lebendigkeit,
welche hinter der inneren Form des einzelnen Werks und dem Zusammenhang dieser
Werke steckt. Diese ist in verschiedenen Zweigen der Produktion verschieden.
Beim Dichter das schaffende Vermögen, beim Philosophen der Zusammenhang
zwischen Lebens- und Weltanschauung, bei großen praktischen Menschen ihre
praktische Zweckstellung zur Realität, bei Religiösen usw. (Paulus, Luther.)
Damit Zusammenhang der Philologie mit
höchster Form des geschichtlichen Verstehens. Auslegung und historische
Darstellung nur zwei Seiten der enthusiastischen Vertiefung. Unendliche
Aufgabe.
So überliefert die Untersuchung des
Zusammenwirkens der allen Erkenntnissen gemeinsamen Prozesse und ihrer
Spezifikation unter den Bedingungen des Verfahrens ihr Ergebnis an die Methodenlehre.
Ihr Gegenstand ist die geschichtliche Ausbildung der Methode und ihre
Spezifikation in den einzelnen Gebieten von Hermeneutik. Ein Beispiel. Die
Auslegung der Dichter ist eine besondere Aufgabe. Aus der Regel: besser
verstehen, als der Autor sich verstanden hat, löst sich auch das Problem von
der Idee in einer Dichtung. Sie ist (nicht als abstrakter Gedanke, aber) im
Sinne eines unbewußten Zusammenhangs, der in der Organisation des Werkes
wirksam ist und aus dessen innerer Form verstanden wird, vorhanden; ein Dichter
braucht sie nicht, ja wird nie ganz bewußt sein; der Ausleger hebt sie heraus
und das ist vielleicht der höchste Triumph der Hermeneutik. So muß die
gegenwärtige Regelgebung, welche für Herbeiführung von Allgemeingültigkeit das
einzige Verfahren ist, ergänzt werden durch Darstellung der schöpferischen
Methoden genialer Ausleger auf den verschiedenen Gebieten. Denn hierin
liegt die anregende Kraft. Bei allen Methoden der Geisteswissenschaften ist
dies durchzuführen. Der Zusammenhang ist dann: Methode der schöpferischen
Genialität. Die von ihr schon gefundenen abstrakten Regeln, welche
subjektiv bedingt sind. Die Ableitung einer allgemeingültigen Regelgebung
von erkenntnistheoretischer Grundlage aus.
Die hermeneutischen Methoden haben
schließlich einen Zusammenhang, mit der literarischen, philologischen und
historischen Kritik, und dieses Ganze leitete zu Erklärung der
singularen Erscheinungen über. Zwischen Auslegung und Erklärung ist nur
gradweiser Unterschied, keine feste Grenze. Denn das Verstehen ist eine unendliche
Aufgabe. Aber in den Disziplinen liegt die Grenze darin, daß Psychologie und
Wissenschaft von Systemen nur als abstrakte Systeme angewandt werden.
Nach dem Prinzip der Unabtrennbarkeit von
Auffassen und Wertgeben ist mit dem hermeneutischen Prozeß die literarische
Kritik notwendig verbunden, ihm immanent. Es gibt kein Verstehen ohne
Wertgefühl - aber nur durch Vergleichung wird der Wert allgemeingültig und
objektiv festgestellt. Dies bedarf dann Feststellung des in Gattung z.B. Drama
Normativen. Die philologische Kritik geht dann hiervon aus. Die Angemessenheit
wird im ganzen festgestellt, und widersprechende Teile werden ausgeschieden.
Lachmann, Ribbecks Horaz usw. Oder aus andern Werken eine Norm, die
unangemessenen Werke ausgeschieden; Shakespeare-Kritik. Plato-Kritik.
Also ist die (literarische) Kritik die
Voraussetzung der philologischen: denn eben aus dem Anstoß an Unverständlichem
und Wertlosem entsteht ihr Antrieb, und die (literarische) Kritik hat als
ästhetische Seite der philologischen an dieser ihr Hilfsmittel. Die historische
Kritik ist nur Eine Branche der Kritik wie die ästhetische in ihrem
Ausgangspunkt. Nun, wie hier, überall Fortentwicklung, wie dort zur
Literaturgeschichte, Ästhetik usw., so hier zur Geschichtsschreibung usw.
II.
Philologie, ist, wie
Böckh mit Recht sagt: "das Erkennen des vom menschlichen Geist
Produzierten" (Enzyklopädie 10). Fügt er paradox hinzu: "d.h. des
Erkannten": so beruht diese Paradoxie auf der falschen Voraussetzung, daß
Erkanntes und Produziertes dasselbe ist. In Wirklichkeit wirken in der
Produktion alle geistigen Kräfte zusammen, und in einer Dichtung oder einem
Brief des Paulus ist mehr als Erkenntnis.
Faßt man den Begriff im weitesten Sinne,
so ist Philologie nichts anderes als der Zusammenhang der Tätigkeiten, durch
welche das Geschichtliche zum Verständnis gebracht wird. Sie ist dann der
Zusammenhang, welcher auf Erkenntnis der Singularen gerichtet ist. Auch der
Staatshaushalt der Athener ist ein solches Singulares, auch wenn er sich als
ein in allgemeinen Verhältnissen darstellbares System zeigt.
Die Schwierigkeiten, welche in diesen
Begriffen liegen, sind aus dem Verlauf der Disziplin Philologie und der
Disziplin Geschichte auflösbar.
Einverstanden muß jeder mit dem
durchgreifenden Unterschied zwischen der Erkenntnis des Singularen als eines an
sich Wertvollen und der Erkenntnis des allgemeinen systematischen Zusammenhangs
der Geisteswissenschaften sein. Diese Grenzregulierung ist ganz klar.
Denn daß dabei Wechselwirkung besteht und auch Philologie der systematischen
Sachkenntnis der Politik usw. bedarf, ist selbstverständlich (gegen Wundt).
Philologie bildet sich nun aus als die
Erkenntnis des in schriftstellerischen Werken Gegebenen. Traten die Denkmale
hinzu, so war das, was Schleiermacher symbolisierende Tätigkeit nannte, ihr
Gegenstand. Geschichte begann ihrerseits mit politischen Handlungen,
Kriegen,..., Verfassungen. Aber diese Sonderung nach Inhalten wurde
überschritten, als die Philologie als praktische Disziplin auch
Staatsaltertümer in ihren Bereich zog. Andererseits entwickelte sich der
Unterschied von methodischen Tätigkeiten und schließlich geschichtlicher
Darstellung. Aber auch dieser Unterschied wurde von der praktischen
Disziplin überschritten, sofern sie die antike Literatur und Kunstgeschichte
in ihren Bereich zog. So handelt es sich zwischen Geschichte und Philologie
um Grenzregulierung. Diese ist nur möglich, wenn man das praktische
Interesse der Fakultätswissenschaft aus dem Spiel läßt. Dann am besten Usener.
Wenn wir nun einen ganzen Vorgang der
Erkenntnis des Singularen als Einen Zusammenhang begreifen müssen, so
entsteht die Frage, ob man im Sprachgebrauch Verstehen und Erklären
sondern könne. Dies ist unmöglich, da allgemeine Einsichten durch ein der
Deduktion analoges Verfahren, nur ungelöst, als Sachkenntnis in jedem Verstehen
mitwirken, nicht bloß psychologisch sondern auch usw. Sonach haben wir es mit
einer Stufenfolge zu tun. Da, wo bewußt und methodisch die
allegemeinen Einsichten angewandt werden, um das Singulare zu allseitiger
Erkenntnis zu bringen, erhält der Ausdruck Erklären für die Art der
Erkenntnis der Singularen seinen Ort. Er ist aber nur berechtigt, sofern
wir uns bewußt halten, daß von einer vollen Auflösung des Singularen in das
Allgemeine nicht die Rede sein kann.
Hier löst sich die Streitfrage, ob die
Besonnenheit psychischer Erfahrung das Allgemeine sei, das dem Verstehen
zugrunde liege, oder die Wissenschaft der Psychologie. Vollendet sich die
Technik des Erkennens des Singularen als Erklären, so ist die Wissenschaft der
Psychologie ebenso Grundlage als die anderen systematischen
Geisteswissenschaften. Dies Verhältnis habe ich schon an der Geschichte
nachgewiesen.
III
Das Verhältnis der Kunstlehre zu dem
Verfahren der Auslegung selbst ist hier ganz dasselbe, das Logik oder Ästhetik
uns zeigen. Das Verfahren wird durch die Kunstlehre auf Formeln gebracht, und
diese werden auf den Zweckzusammenhang zurückgeführt, in welchem das Verfahren
entsteht. Durch eine solche Kunstlehre wird jedesmal die Energie der geistigen Bewegung
verstärkt, deren Ausdruck sie ist. Denn die Kunstlehre erhebt das Verfahren zu
bewußten Virtuosität; sie entwickelt es zu den durch die Formel ermöglichten
Konsequenzen; indem sie die Rechtsgründe desselben zur Erkenntnis bringt,
steigert sie die Selbstgewißheit, mit der es geübt wird.
Tiefer aber reicht eine ander Wirkung.
Wir müssen, um diese Wirkung zu erkennen, über die einzelnen hermeneutischen
Systeme hinaus zu deren geschichtlichem Zusammenhang fortschreiten. Jede
Kunstlehre ist auf das in einem bestimmten Zeitraum geltende Verfahren
eingeschränkt, dessen Formel sie entwickelt. So entsteht für Hermeneutik und
Kritik, für Ästhetik und Rhetorik, für Ethik und Politik, sobald das
geschichtliche Denken hierzu reif geworden ist, die Aufgabe, schließlich die
ältere Grundlegung aus dem Zweckzusammenhang durch ein neue geschichtliche zu
ergänzen. Das geschichtliche Bewußtsein muß sich über das Verfahren einer
einzelnen Zeitepoche erheben, und es kann dies leisten, indem es alle
voraufgegangenen Richtungen innerhalb des Zweckzusammenhangs der Interpretation
und Kritik, der Poesie und der Beredsamkeit in sich versammelt, gegeneinander
abwägt und abgrenzt, ihren Wert aus ihrem Verhältnis zu diesem
Zweckzusammenhang selbst aufklärt, die Grenzen, in welchen sie seiner
menschlichen Tiefe genügen, bestimmt, und so schließlich alle diesen
geschichtlichen Richtungen innerhalb eines Zweckzusammenhanges als eine Reihe
in ihm enthaltener Möglichkeiten begreift. Für diese geschichtliche Arbeit ist
es nun aber von entscheidender Bedeutung, daß sie mit den Formeln der
Kunstlehre als mit Abbreviaturen geschichtlicher Richtungen rechnen darf. So
liegt also in dem Denken über das Verfahren, durch welches ein
Zweckzusammenhang die in ihm enthaltenen Aufgaben zu lösen vermag, eine innere
Dialektik, welche dies Denken durch geschichtlich begrenzte Richtungen
hindurch, durch Formeln hindurch, welche diesen Richtungen entsprechen,
fortschreiten läßt zu einer Universalität, die immer und überall an das
geschichtliche Denken gebunden ist. So wird hier, wie überall das
geschichtliche Denken selber schöpferisch, indem es die Tätigkeit des Menschen
in der Gesellschaft über die Grenzen des Momentes und Ortes erhebt.
Dies ist der Gesichtspunkt, unter dem das
geschichtliche Studium der hermeneutischen Kunstlehre mit dem des auslegenden
Verfahrens verbunden ist, beide zusammen aber mit der systematischen Aufgabe
der Hermeneutik zusammenhängen.